new! Category: News - 2017.09.04

MEINE BESTE FREUNDIN. Geschichten – Gedichte – Briefe

herausgegeben von Klaudia Ruschkowski und Anna Schloss

Meine beste Freundin

„Wenn du nicht wärst, was wäre mir die ganze Welt?“

Was die junge Bettina von Arnim an ihre Freundin Karoline von Günderrode schreibt, berührt durch die Absolutheit des Gefühls, das der Freundin gilt, die für einige Zeit die „beste“ gewesen ist. Welch einen zentralen Platz nimmt sie im Herzen der anderen ein, wie wesentlich ist der Austausch mit ihrFreundinnen spielten und spielen im Leben der meisten Frauen eine bedeutende Rolle, sie geben ihm Halt, beflügeln es. Daran hat sich im Laufe der Jahrhunderte nichts geändert. So vielfältig wie die Freundschaften zwischen Frauen, ist auch die Textauswahl und Struktur dieser Anthologie.

„Deine Freundschaft bedeutet mir so viel“, schreibt Vita Sackville-West an Virginia Woolf. „Sie ist tatsächlich eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben.“ Freundschaften gehen mit dem so essenziellen Empfinden einher, in der eigenen Identität anerkannt und bestätigt zu werden. Während Liebe „eingreifender, brennender und peinigender“ ist, herrscht in der Freundschaft, wie Michel de Montaigne bemerkt, „eine allgemeine Wärme, die den ganzen Menschen erfüllt und die außerdem immer gleich wohlig bleibt; eine dauernde, stille, ganz süße und ganz feine Wärme, die einen nicht verbrennt und nicht verletzt.“

Frauenfreundschaften verkörpern häufig ein Ideal an Freundschaft. Sie eröffnen einen Freiraum, in ihnen manifestieren sich Vertrauen, Respekt, Nähe und Zuwendung in allen Lebensfragen, in Liebesdingen, Beruf und Alltag. „Ich kann nur immer wieder bitten, nichts nicht erzählenswert zu beurteilen, was durch Deinen Tageslauf gegangen ist“, schreibt Elisabeth Schiemann an ihre Freundin Lise Meitner. Empathie und Einfühlungsvermögen, Geben und Nehmen, Offenheit und Loyalität kennzeichnen die Freundschaft beider Wissenschaftlerinnen, die aus einer geistigen Gleichgestimmtheit erwächst und vom ungehinderten Austausch der Gedanken lebt.

Natürlich sind Freundschaften immer auch geprägt durch ihre Zeit, gewähren jedoch in ihrer Intimität tiefe Einblicke weit über den Zeitgeist hinaus. Die florierende Briefkultur im 18. Jahrhundert gibt vor allem im Briefwechsel zwischen Freundinnen Aufschluss über die Lebensverhältnisse von Frauen, über Beziehungsgeflechte, historische Ereignisse, Moden, über Erwartungen, Sehnsüchte und nicht zuletzt den Wunsch nach Eigenständigkeit. „Ich würde, wenn ich ganz mein eigner Herr wäre und außerdem in einer anständigen und angenehmen Lage leben könnte“, schreibt Caroline Schlegel-Schelling 1781 an ihre Freundin Louise Gotter, „weit lieber gar nicht heiraten und auf andre Art der Welt zu nutzen suchen.“ Die Briefkultur ermöglichte den schreibenden Frauen auch den Einstieg in die eigene literarische Produktion, woraus sich zunächst der Briefroman entwickelte, ein Raum der Freiheit und wichtiger Gegenpart zu der bis dahin von Männern dominierten literarischen Tradition.

Im 19. Jahrhundert nehmen die Freundschaften unter Frauen an Intimität zu. Intensive Beziehungen geben innere Sicherheit, Selbstbewusstsein und tragen zur Bestätigung der weiblichen Identität bei. „Schlagen Sie Ihre Seele nicht in Ketten, und wären es güldene, die gar lieblich sängen und klängen“, bittet Paula Modersohn-Becker ihre Freundin Clara Westhoff, sich in der Ehe mit dem Dichter Rilke nicht zu verlieren, ihre eigene Kraft als Künstlerin nicht zu opfern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfahren Frauenfreundschaften eine neue Beurteilung, gewinnen durch die Frauenbewegung auch an gesellschaftspolitischer Bedeutung. Mit ihren Forderungen nach Bildung, Wahlrecht, ökonomischer Unabhängigkeit und verbesserten Lebensbedingungen treten die Frauen in die Öffentlichkeit. Die Energien für ihre politische Arbeit schöpfen viele Frauen aus den Beziehungen zu ihren Freundinnen. Die Energien für ein erfülltes Leben auch.

Oft genug überdauern die Freundschaften alle Liebesbeziehungen und währen ein Leben lang. „Wir sind Freundinnen! Mich dürstet so danach. Und Du gibst mir Nahrung“, schreibt Anne Sexton an Lois Ames, die beste Freundin ihrer letzten Lebensjahre. „Zusammen sind wir … niemals allein.“

Marix Verlag – Aufl. 2017, 304 S.
gebunden in feines Leinen, 12,5 x 20 cm.
Erschienen im August 2017

EAN: 978-3-7374-1058-8
Artikelnummer: 01105