Category: Essay - 2009.10.21

Wolfgang Storch Totentanz und Rosenfest

Der 18. Juni 1675 und der 6. November 1730

„Mit diesen beiden Tagen“, schrieb Theodor Fontane in seinem Bericht über Küstrin, „dem heiteren 18. Juni und dem finsteren 6. November, beginnt unsere Großgeschichte. Aber der 6. November ist der größere Tag, denn er veranschaulicht in erschütternder Weise jene moralische Kraft, aus der dieses Land, dieses gleich sehr zu hassende und zu liebende Preußen, erwuchs.“ Der 18. Juni 1675 – nach dem Julianischen Kalender damals, der 28. Juni nach dem Gregorianischen –: der Tag der Schlacht bei Fehrbellin, der Sieg des Kurfürsten Friedrich Wilhelm über die in die Mark Brandenburg eingefallene schwedische Armee, den er wesentlich dem Einsatz des Prinzen Friedrich von Hessen-Homburg zu verdanken hatte. Der 6. November 1730: der Tag, an dem Hans Hermann von Katte enthauptet wurde, da er Kenntnis hatte vom Fluchtplan des Kronprinzen Friedrich.

„Der heitere 18. Juni“ – über die Eröffnung der Schlacht schrieb der die Avantgarde befehligende Prinz Friedrich von Hessen-Homburg am nächsten Morgen seiner Frau: „So balten ich des Churfürsten ankunft versichert war, war mir bang, ich möchte wider andere ordre bekommen, und fing ein hartes treffen mit meinen Vortruppen an, da mir denn Dörffling soforth mit einihen Regimentern secontirte. Da ging es recht lustig eine stundte 4 oder 5 zu, bis entlichen nach langem Gefechte die Feindte weichen musten … Nachdeme alles nun vorbey gewesen, haben wir auff der Walstett, da mehr als 1 000 Todten umb uns lagen, gessen und uns braff lustig gemacht.“ Fontane verwies auf diesen damals, 1862, als er über die Grafschaft Ruppin schrieb, gerade bekannt gewordenen Brief, „weil er die älteren Berichte über diese Schlacht, wie sie sich im Teatrum Europaeum, im Pufendorf usw. finden, bestätigt und die erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auftretende Sage von Insubordination, kurfürstlichem Zorn und Kriegsgericht aufs evidenteste widerlegt.“

Die „Sage von Insubordination“ – den Angriff des Prinzen mit seiner Avantgarde wider den Befehl – hatte Friedrich II. selbst mit seinen Mémoires pour servir à l’histoire de la maison de Brandenbourg in die Welt gesetzt. Warum gründete er den Sieg, der den Aufstieg des Kurfürstentums zur europäischen Macht einleitete, auf Insubordination? Insubordination traf den Nerv dieses nach militärischem Reglement durchorganisierten Staatswesens. Wenn es denn eine Insubordination gewesen wäre, so eine, die sich nicht verweigert, sondern sich über die Befehle hinwegsetzt. – im Sinne der Befehle, um angesichts der eingetretenen Situation den Befehl zu modifizieren. Mit der Geistesgegenwart und Spontaneität, mit der Friedrich II., der sich gegenüber niemandem, keinem Kabinett, keinem über ihm, verantworten mußte, seine Schlachten führte. Mobilität seine erste Waffe. Zeigt sich in der Konstruktion dieser „Sage“ nicht das Dilemma zwischen der Vorgabe des Schlachtplans, dessen strikter Befolgung, und der Notwendigkeit, angesichts der Unberechenbarkeit der Entscheidungen des Feindes, der eingetretenen Situationen unmittelbar handeln zu müssen – auch ohne Befehl? So ließe sich die „Sage“ lesen als Aufforderung zum unbedingten, die Insubordination in Kauf nehmenden Einsatz. Vorbehaltlich der Entscheidung des Fürsten, das Kriegsgericht einzuberufen.

Wollte Friedrich II. sich selbst in der Gestalt Friedrich Wilhelms, seines großen Vorbildes, zeigen, als er den Kurfürsten auf den Prinzen zugehen und sagen ließ: „Wenn ich Euch nach der Strenge der Kriegsgesetze hätte richten wollen, wäre Euer Leben verwirkt. Aber verhüte Gott, daß ich den Glanz eines so glücklichen Tages beflecke, indem ich das Blut eines Prinzen vergieße, der eines der vorzüglichsten Werkzeuge meines Sieges war“? Oder rief er auf, was ihm selbst widerfahren war? In Erwartung des Todesurteils, die Hinrichtung vor Augen. Als Kronprinz hatte er ein exorbitantes Beispiel von Insubordination geboten. Um den Misshandlungen durch den Vater zu entgehen, hatte er 1730, 18 Jahre alt, versucht, nach England zu fliehen. Von seinem Vater zur Desertion erklärt. Seit fünf Jahren verfolgte seine Mutter Sophie Dorothea den Plan einer englischen Doppelhochzeit. Ihr Vater Georg, Kurfürst von Hannover, war 1714 englischer König geworden. Seit 1727 regierte ihr Bruder als Georg II. Nun sollte ihre Tochter Wilhelmine ihren Neffen Friedrich Ludwig, Prinz von Wales, heiraten und Friedrich ihre Nichte Amelia Sophie. Sie sah die Tochter als Gemahlin des englischen Königs und den Sohn als Regenten in Hannover. Friedrich Wilhelm I. stimmte zu. Verhandlungen wurden geführt. Darauf reagierte der kaiserliche Hof. Prinz Eugen, der Baumeister des Habsburger Reiches, suchte zu verhindern, dass „der König von Preußen und seine Nachfolger zu dauernden Werkzeugen englischer Politik gemacht werden“. Dem österreichischen Feldzeugmeister Friedrich Graf Seckendorff als kaiserlichem Gesandten gelang es zusammen mit dem General und Minister Friedrich Wilhelm von Grumbkow, dem er reichliche Zuwendungen aus Wien verschaffte, den König umzustimmen – mit der Zusicherung des Kaisers, dass die Erbfolge von Jülich/Berg ihm zufallen werde. Auf die Erweiterung seines Reiches aus, bedeutete Friedrich Wilhelm diese Zusage alles. Nicht aber dem Kaiser, der dem Haus Pfalz- Sulzbach ebenso die Erbfolge zusicherte. Die Absprachen mit dem Kaiser blieben geheim. Seckendorff und Grumbkow agierten nunmehr als erste Ratgeber. Die Verbundenheit von Sophie Dorothea mit Hannover und London, sowie Friedrich Wilhelms Orientierung an Wien spaltete die Familie. Jede Äußerung geriet unter Verdacht, war Parteinahme. Friedrich wählte für sich das Dritte – Paris. Als „Vasall des französischen Königs“ wollte er regieren – aus freier Entscheidung, also frei, nicht als Vasall des Kaisers oder des englischen Thrones; dem Land zugeeignet, aus dem die Kultur kam, die er studierte, die Preußen fehlte. Er demonstrierte dem Vater französische Kultur, die dieser nicht ausstehen konnte. Der Großvater hatte mit französischer Prachtentfaltung den Staatshaushalt ruiniert. Der zum Sparen verpflichtete, es liebende Vater, ein „Bettelkönig“, sah sich provoziert. Das Kräftespiel der europäischen Großmächte wurde am Esstisch der königlichen Familie ausgetragen. Der Vater ließ die Teller über ihn fliegen. Mit dem Nichtzurandekommen des Vaters konnte der Sohn nicht auskommen. Da er den Vater liebte, provozierte er ihn bewusst und unbewusst, allein schon durch seine Hinwendung: einen Blick auf die Hilflosigkeit, ein Konstatieren der mangelnden Bildung. Der Vater steigerte die Züchtigungen. Schließlich ließ er den Kronprinzen wissen: Wenn sein eigener Vater ihn so behandelt hätte, er hätte sich erschossen. Der Sohn entschloss sich zur Flucht.

Auf einer Reise mit dem Vater 1730 von Ansbach über Ludwigsburg nach Wesel, am 4. August im Dorf Steinsfurt vor Sinsheim in einer Scheune nächtigend, stand Friedrich um zwei Uhr morgens auf und wartete auf der Dorfstraße im roten Rock auf seine Pferde. Vor den Pferden kamen die Offiziere. Den in Ansbach aufgegebenen Brief an Katte mit dem genauen Fluchtplan, ungenügend adressiert, hatte inzwischen ein anderer Katte, ein Vetter, erhalten und dem König übermittelt. Der Vater beorderte ein Kriegsgericht, vor dem alle gleichgestellt waren: Wegen Desertion sollten der Sohn und Katte zum Tod verurteilt werden. Allerdings hatte allein der Kaiser das Recht, einen Kronprinzen hinrichten zu lassen. Der Vater hielt dagegen, als König in Preußen stünde er außerhalb der Rechtsordnung des Reiches. Der Kaiser, Könige und Fürsten intervenierten. Generäle baten um Gnade. Das Gericht sah sich, was den Kronprinzen betraf, als nicht zuständig an, und verurteilte Katte zu einer lebenslänglichen Haftstrafe. Der König schickte ein Blatt zurück: „Sie sollen Recht sprechen und nicht mit dem Federwisch darüber gehen. Das Kriegsgericht soll wieder zusammenkommen und anders sprechen.“ Auf die Rückseite des Blattes notierte er Bibelstellen, darunter das Fünfte Buch Moses, Kapitel 17, Vers 8 bis 12 . Der letzte Vers lautet: „Und wo Jemand vermessen handeln würde, daß er dem Priester nicht gehorchte, der daselbst in des Herrn, deines Gottes, Amt stehet, oder dem Richter; der soll sterben, und sollst den Bösen aus Israel thun.“ Wer gehorchte hier wem nicht: der König dem Richter? Oder der Richter Gott? Beanspruchte der König Gottes Stelle? Das Kriegsgericht blieb bei seinem Spruch. Der König setzte sich über das Gericht hinweg und ließ Katte per Dekret enthaupten.

„Der finstere 6. November“ – der „eigentliche Mittelpunkt dieser Tragödie“ war für Fontane, der sich aller Quellen versicherte und sie ausbreitete, „nicht Friedrich, sondern Katte. Er ist der Held, und er bezahlt die Schuld.“ Er hätte, gleich gewarnt, fliehen können. Seine dann befohlene Arretierung wurde durch Oberst von Pannewitz noch um Stunden verzögert. So nach den Erinnerungen von Friedrichs Schwester Wilhelmine. Katte versicherte Major von Schack, der ihn zur Hinrichtung nach Küstrin zu bringen hatte: „Ich sterbe für einen Herrn, den ich liebe, und habe den Trost, ihm durch meinen Tod den stärksten Beweis der Anhänglichkeit zu geben.“ Vom letzten Blick auf Katte erzählte Friedrich Jahrzehnte später, am 25. April 1758, seinem neu bestellten Vorleser Henry de Catt, dem Namensgleichen, den er, inkognito in den Niederlanden reisend, dort, wo er sich 25 Jahre zuvor, dem Vater entkommen, mit Katte treffen wollte, kennengelernt hatte: Gleich Katte habe er Wochen in Einzelhaft verbracht, isoliert, das Essen durch die Luke, ohne Nachricht. Am Morgen des 6. November wurde er von Grenadieren aus der Zelle geholt. „Muß ich sterben?“ fragte er sie. „Ich bin bereit dazu, daß die Barbaren mich ins Jenseits befördern!“ Sie führten ihn an ein Fenster, hielten seinen Kopf fest: „Mein lieber, treuer Katte sollte unter meinem Fenster hingerichtet werden! Ich wollte meinem Freunde die Hand reichen; aber man stieß mich zurück. ‘Ach, Katte!’ schrie ich; dann wurde ich ohnmächtig.“ Der Gouverneur der Festung Küstrin, Generalmajor Otto Gustav von Lepel, den der König am 3. November angewiesen hatte, dem Kronprinzen zu befehlen, die Hinrichtung mit anzusehen, hielt in seinem Immediatbericht fest: „Auf dem Richt-Platz hat er dem Katten aus dem Fenster vor Verlesung des Urtheils, laut zugerufen: Je vous demande mille pardon, und Katte ohngefähr geantwortet: Monsieur, Vous n’avez rien à me demander. Die Exekution ist vor seinen Augen verrichtet worden, und hat der Katte, nachdem er sich entblößet, das Gesicht gegen ihn gekehret, während der Kronprinz in Ohnmacht gefallen, und der Kapitän zurückgetreten und ihn halten müssen. Nach solcher Exekution hat der Kronprinz die Augen beständig auf den Körper gerichtet, bis nach Mittags, und dessen Einlegung in den Sarg mit observiret.“

Friedrich Kugler, Fontanes Freund und Mitstreiter 1848, überlieferte in seiner Geschichte Friedrichs des Großen die Abschiedsworte in kanonisierter Form: „‘Verzeihe mir, mein teurer Katte!’ – ‘Der Tod für einen so liebenswürdigen Prinzen ist süß!’ erwiderte jener. Dann schritt der Zug den Wall hinauf, und Katte empfing, von christlicher Tröstung gestärkt, den tödlichen Streich. Aber die starke Natur des Kronprinzen erlag; Ohnmachten ergriffen ihn, und die Schale, die sein Herz umschlossen hielt, war gesprungen.“ (Siebentes Kapitel, „Das Gericht“)

Nachdem Katte zum Platz der Hinrichtung geführt worden war, die Sentenz gehört hatte und eingesegnet worden war, „gab er die Peruque“, schrieb von Schack, „an meinen Kerl, der ihm eine Mütze darreichte, ließ sich den Rock ausziehen und die Halsbinde aufmachen, riß sich selbst das Hemd herunter, ganz frey und munter, als wenn er sich sonsten zu einer serieusen Affaire präparieren sollen, gieng hin, knieete auf den Sand nieder, rückte sich die Mütze in die Augen und fing laut selbst an zu beten: ‘Herr Jesu! Dir leb’ ich’ etc. Weil er aber meinem Kerl gesagt, er sollt’ ihm die Augen verbinden, sich aber hernach resolviret, die Mütze in die Augen zu ziehen, so wollte der Kerl, der schrecklich consterniret, ihm immer noch die Augen verbinden, bis von Katt ihm mit der Hand winkte und den Kopf schüttelte. Darauf fing er nochmals an zu beten: ‘Herr Jesu!’ welches noch nicht aus war, so flog der Kopf weg, welchen mein Kerl aufnahm, und wieder an seinen Ort setzte. Seine Présence d’Esprit bis auf die letzte Minute kann nicht genug admiriren. Seine Standhaftigkeit und Unerschrockenheit werde mein Tage nicht vergessen, und durch seine Zubereitung zum Tode habe vieles gelernet, so noch weniger zu vergessen wünsche.“

War es der Tag, der „jene moralische Kraft“ veranschaulicht, „aus der dieses Land, dieses gleich sehr zu hassende und zu liebende Preußen, erwuchs“, wurde Kattes Haltung zum Inbegriff für Treue, Standhaftigkeit und Unerschrockenheit, leuchtendes Beispiel preußischer Tugend, so markiert der Tag doch auch den Beginn eines preußischen Kultes. Dagegen schrieb Fontane an, aus dieser Überformung wollte er Katte herausholen, den Kult trockenlegen. Der tradierte Ruf Kattes: „Der Tod für einen so liebenswürdigen Prinzen ist süß!“ ist ein Horaz-Zitat, setzt an die Stelle des Vaterlandes den künftigen König. Der zuerst starb: „… die Schale, die sein Herz umschlossen hielt, war gesprungen“. In Heiner Müllers Stück Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei bezeugt der Sohn dem Vater nach Kattes Hinrichtung: „Sire, das war ich.“ So lebte er ein Leben nach dem Tod. Was er in Katte verloren hatte, wird er einfordern: Kattes Einsatz wird er anderen abverlangen. Dieser Einsatz war Kattes Vermächtnis, das andere glaubten einlösen zu müssen – oder einlösten, da sie keinen anderen Weg aus der Katastrophe sahen, da ihnen kein anderer Weg offenstand.

Der König hatte bereits drei Tage vor der Hinrichtung dem Feldprediger Johann Ernst Müller befohlen, „gleich nach der Execution oben bei den Kronprinz zu gehen, mit Ihm zu raisonnieren“, denn er hoffte, daß „die in frischem Andenken alsdann seiende Execution Ihm das Herz rühren und weich machen wird“. Katte sei hingerichtet worden, ließ der Feldprediger den Kronprinzen wissen, um ihn „zum ernstlichen und gründlichen Nachdenken zu bringen“.

Also war alles ein Lehrstück. Inszeniert vom Vater. Ausgearbeitet allerdings von Seckendorff. Konsequent und strikt verfolgt. Intervenierte der Kaiser gegen die Hinrichtung Friedrichs, so wusste Seckendorff, wie mit ihm zu verfahren sei. Den die Habsburger zu ihrem Instrument machen wollten, erzogen sie zu ihrem ersten Feind.



Ein Staat von Kleve bis Königsberg

War die Hinrichtung Kattes als ein Lehrstück zu verstehen, so konnte auch der Sohn den Vater belehren: Im Februar 1731 eröffnete Friedrich, noch immer in der Festung Küstrin, bei der Kriegs- und Domänenkammer seinen Dienst leistend und die Thronfolge in Frage gestellt, dem Kammerjunker Karl Dubislav von Natzmer, der ihn nach den Instruktionen des Königs zu beaufsichtigen und zu unterweisen hatte – mit einem Brief ein Gespräch fortsetzend – die Aufgabe des Königs von Preußen, die er einzulösen habe. Er zog somit die Konsequenz aus der Disposition, die Kurfürst Johann Sigismund vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges mit den Erwerbungen geschaffen hatte, die seine Heirat mit Anna von Preußen dem Haus Brandenburg eingebracht hatten: das unter polnischer Lehnshoheit stehende protestantische Herzogtum Preußen, in den Grenzen des später Ostpreußen genannten Gebietes, ohne Ermland, und das kalvinistische Herzogtum Kleve mit den Grafschaften Mark und Ravensberg, ein reiches Ackerland im Osten, und im Westen Manufakturen und Bergwerke. Im Osten der Restbestand des ehemaligen Ordensstaates der Deutschritter: Hermann von Salza, der Hochmeister des Deutschen Ordens und Berater von Kaiser Friedrich II., war im Winter 1225/26 vom polnischen Herzog Konrad von Masowien gebeten worden, die angreifenden heidnischen Pruzzen, die Preußen, abzuwehren. Für diese Hilfe sollte der Orden das Kulmer Land bekommen. Hier endlich wollte Hermann von Salza seine Vorstellung eines Gottesstaates verwirklichen. Noch ehe eine Einigung mit Konrad von Masowien gefunden worden war, noch ehe ein Ordensritter das Kulmer Land betreten hatte, bestimmte der Kaiser 1226 mit der Goldbulle von Rimini die Aufgaben des Ordens und das Wesen des zukünftigen Deutschordensstaates, autonom und außerhalb des Reiches, doch „unter der Monarchie des Imperiums einbegriffen“, dem besonderen Schutz des Kaisers. Der Papst seinerseits stellte kurz darauf den Ordensstaat unter Petri Schutz. Sechzig Jahre dauerte die Unterwerfung der Preußen, die Inbesitznahme ihres Landes. Die Hälfte von ihnen überlebte, nunmehr Leibeigene der Ordensritter. Der Osten verwies in die Vergangenheit, und in die Zukunft der Westen: Kleve, an der Grenze zur Republik der vereinigten Niederlande, der ersten Handelsmacht, dem modernsten Staat in Europa, getragen von einem Volk, das sich 1581 unter Wilhelm von Oranien von der spanischen Fremdherrschaft befreit hatte. Zwei Länder, von der ihnen jetzt geschaffenen Mitte, der kargen Mark Brandenburg, der sie zuzuwachsen hatten, gleich weit entfernt: jeweils 700 Kilometer, in einer gleichbleibend flachen, schutzlosen Landschaft, der norddeutschen Tiefebene, die im Osten nicht aufhört. Zwei weit abgetrennte Flügel hineinragend in Konfliktzonen der Großmächte: durch Kleve wurde Brandenburg hineingezogen in die Kriege zwischen Spaniens, Frankreichs und Englands um die reichen Niederlande, durch Preußen in die Kriege zwischen Schweden und Polen, dann auch Rußland, um die Vorherrschaft im Ostseeraum.

Seit die Hohenzollern 1417 Kurfürsten der damals desolat daniederliegenden Kurmark Brandenburg geworden waren, hatten sie versucht, angrenzende reichere Länder einzugliedern. Der Griff nach Kursachsen, nach Polen, nach Pommern, nach Mecklenburg, nach Schleswig, nach Holstein – eine Kette von Versuchen, zumeist durch Heiratspolitik, die während der vergangenen 200 Jahre gescheitert waren. Durch die nun eingebrachten fernen Besitzungen wurde der ökonomische Druck, die karge Mark zu arrondieren, zur strategischen Notwendigkeit. Durch den Westfälischen Frieden war den Fürsten das Jus armorum et foederum eingeräumt worden. Sie konnten selbständig mit anderen europäischen Mächten verhandeln, solange ihre Bestrebungen nicht gegen das Interesse des Reiches gerichtet waren. Der Verlierer des Dreißigjährigen Krieges war der Kaiser. Dieser Machtzuwachs der Fürsten nach außen realisierte sich entsprechend nach innen. Sie begannen, ihre eigenen Reiche zu schaffen. Kurfürst Friedrich Wilhelm erreichte 1648 beim Westfälischen Frieden Gebietserweiterungen: Hinterpommern und das Bistum Cammin im Osten, im Westen Halberstadt, Minden und die Anwartschaft auf Magdeburg. Auf Vorpommern aber musste er zugunsten der Schweden verzichten. Zweimal eroberte er es und räumte es jedesmal wieder auf Druck von Frankreich, Schwedens Schutzmacht. Sein Ziel war, die Hafenstadt Stettin statt Berlin zur Hauptstadt zu machen, mit der Öffnung zu den Weltmeeren, dem Anschluß an den Welthandel, gestützt auf Kolonien, mit deren Ankauf er an der Goldküste – Groß-Friedrichsburg westlich von Accra – begann: Stettin als ein zweites Amsterdam, Jahrzehnte bevor Peter I., demselben Vorbild folgend, Sankt Petersburg gründete.

„Da die preußischen Länder“, eröffnete der Kronprinz dem Kammerjunker sein Konzept, „so zerschnitten und getrennt sind, halte ich es für die notwendigste Maßnahme, sie einander anzunähern oder die abgetrennten Teile zu sammeln, die natürlicherweise zu den Teilen gehören, die wir besitzen.“ Er zählte auf, was – mit welchen Rechtsansprüchen auch immer – einzubringen war: das polnische Preußen, um die Lücke zwischen Hinterpommern und dem Königreich Preußen zu schließen, dann Vorpommern und Mecklenburg. „Ich schreite immer von Land zu Land, von Eroberung zu Eroberung, indem ich mir wie Alexander immer neue Welten zur Eroberung vornehme. Jülich und Berg werden jetzt der Schauplatz sein, den man haben muß, um sich dort zu vergrößern und um die armen Länder Kleve, Mark usw. nicht alleinzulassen.“ Was er schrieb, getragen vom Vorbild Alexanders des Großen, folgt der Herausforderung der preußischen Staatsgründung, ist ihr eingeschrieben. „Ich will einzig und allein nur die politische Notwendigkeit beweisen, die genannten Provinzen zu erwerben entsprechend der Lage der preußischen Länder.“ Das war von Kurfürst Friedrich Wilhelm bereits bedacht und in Ansätzen ausgearbeitet worden. „Ich wünsche, daß dieses Haus Preußen sich ganz aus dem Staub erheben wird, in dem es bis jetzt gelegen hat, damit es die protestantische Religion in Europa und im Reich zum Blühen bringen kann“ – so eindeutig gerichtet gegen das die Kaiserkrone beanspruchende, sie für das eigene Habsburger Reich ausnutzende Haus Österreich: das Reich unter der Führung des Hauses Preußen das Ziel, gegründet auf Gerechtigkeit: „damit es eine Zuflucht werde für die Unterdrückten, eine Stütze der Witwen und Waisen, ein Freund der Armen, der Feind der Ungerechten. Sollte es sich ändern, sollten Ungerechtigkeit, religiöse Gleichgültigkeit, Parteilichkeit oder Laster über die Tugend die Oberhand gewinnen, was Gott verhüten möge, dann wünsche ich, daß sein Fall schneller sei als sein Aufstieg.“

Der Aufbau eines geschlossenen preußischen Reiches, dieses eingeschriebene Ziel, bestimmte, wie unlösbar die Aufgabe auch erschien und wenn auch nur in kleinen Schritten erreichbar, die Politik der Hohenzollern. Vor dieser Aufgabe – im Verfolgen wie im Verdrängen – lassen sich die Entscheidungen der einzelnen Hohenzollernherrscher begreifen. Das Wort, mit dem die Politik Friedrich Wilhelms zu dessen Zeit gekennzeichnet worden war, „Wechselfieber“, bezeichnete den Stil seiner Diplomatie: sie gehorchte der Konstellation. Nach 250 Jahren wurde das Ziel eines geschlossenen preußischen Reiches von Kleve bis Königsberg, der Alexandertraum des Kronprinzen, durch Bismarck realisiert – unter der Voraussetzung und mit der Konsequenz, dass Österreich aus Deutschland ausgegrenzt wurde und Preußen in Deutschland oder das restliche Deutschland in dem bereits zwei Drittel des Landes vereinnahmenden Preußen aufging. Die preußische Ausrichtung kappte, was das Reich einmal bestimmte hatte: die Ausrichtung nach Süden, eine Versicherung im römischen Erbe, in einer anderen, der mediterranen Kultur, gegenüber der sich die deutsche Kultur gebildet hatte. Und sich neu nach dem Siebenjährigen Krieg bildete: Die Schriftsteller, die Dichter suchten den Süden, brauchten ihn, studierten die Antike, reisten nach dem Süden, versicherten sich der mediterranen, der katholischen Welt. Auf dem Kyffhäuser reitet der Kaiser nach Osten. Im Schatten des von ihm vollendeten Doms reitet der Kaiser nach Westen. Als genügten nicht Kleve, nicht Königsberg. Zwischen Paris und Moskau kultivierte das von Preußen dominierte Deutschland janusköpfig seinen Machtanspruch. Es hatte nach der langfristig abgesprochenen Hochzeit von 1594 noch 24 Jahre gedauert, bis Johann Sigismund die Erbschaft Annas von Preußen einbringen konnte. Zur Sicherung der Erbansprüche hatte sein Vater noch Annas jüngere Schwester geheiratet.

Preußen fiel ihnen mit dem Tod von Annas Vater 1618 endgültig zu. Auf das Herzogtum Jülich/Kleve aber stellten auch die Pfalzgrafen Erbansprüche. Schließlich gelang es Johann Sigismund, wenigstens die ärmere nördliche Hälfte, Kleve, zu bekommen. Er trat deswegen der reformierten Kirche bei – ein Schritt, den er gegenüber seiner Frau, der lutherischen Orthodoxie in Berlin und den Ständen in Preußen zu verteidigen hatte. Unzulänglich war sein Verwaltungsapparat, war sein Heer mit 5 000 Soldaten. Der trinkfeste Kurfürst verfiel der Trunksucht. „Lebendig tot“ übertrug er die Regentschaft seinem Sohn Georg Wilhelm. Der Dreißigjährige Krieg brach aus. Von Gustav II. Adolf, seinem Schwager, herausgefordert, Stellung zu beziehen, wollte der an einer unheilbaren Beinwunde leidende Georg Wilhelm sich nicht gegen den katholischen Kaiser entscheiden, der die Kurwürde garantierte und ihn zum Generalissimus ernannte. Unfähig, sein Land zu schützen, sah er zu, wie kaiserliche und schwedische Truppen die Mark Brandenburg durchzogen, das Land verwüsteten, die Städte zerstörten, die Menschen schändeten. Schließlich taten es auch die eigenen Söldner. Er flüchtete mit seinem Hof nach Königsberg. Sein Sohn Friedrich Wilhelm kam während des Krieges mit 14 Jahren zum Studium an die Universität Leiden und blieb in den Niederlanden bei den Oraniern, seinen Verwandten, bis zum 18. Lebensjahr. Mit dem Wissen, wie dort Wirtschaft, Staat und Heer nach modernsten Maßstäben organisiert wurden, begann er als Kurfürst, die zerstörte Mark Brandenburg aufzubauen. Wo Äcker gewesen waren, standen Wälder. Entleert die Städte. Die Bevölkerung war auf die Hälfte, stellenweise auf ein Drittel reduziert. Das Land war zu kolonisieren. Friedrich Wilhelm holte Fachkräfte, zuerst Architekten und Deichbauer, aus den Niederlanden. Als der Staat in Geldnot geriet, erlaubte er die Zuwanderung von jüdischen Familien aus Österreich. Weitreichende Angebote machte er den aus Frankreich ausgewiesenen Hugenotten. 20 000 Refugiés kamen, eine bürgerliche Elite von Kaufleuten und Gewerbetreibenden; sie schufen eine Basis für die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung des Landes. Sie alle, die Überlebenden wie die Eingewanderten, unter dem Diktat des zu leistenden Aufbaus. „Auferstanden aus Ruinen“ oder richtiger: erstanden aus Ruinen; jedenfalls die von Fontane so bezeichnete „Großgeschichte“ – und in deren Geburt eingeschrieben, dass das Land die Kraft hatte, aus Zerstörung wieder aufzuerstehen, also auch aufs Spiel gesetzt werden konnte.

Friedrich Wilhelm hatte zu Beginn seiner Herrschaft den Ausgleich mit den Ständen gesucht, der auch nach der Rechtssprechung im Reich geboten war. Geboten auch durch die gemeinsame Aufbauarbeit, geprägt durch die Erfahrungen in den Niederlanden. Doch änderte er mit dem Frieden von Oliva 1660 seinen Kurs. Durch geschicktes Agieren im Krieg zwischen Schweden und Polen bekam Friedrich Wilhelm Preußen frei von der polnischen Lehnshoheit und änderte er mit dem Frieden von Oliva 1660 seinen Kurs. Er war nun Herzog über ein Land, das nicht der Rechtsprechung des Reiches unterlag. Auf dem Großen Landtag in Preußen Anfang der sechziger Jahre stellten die Adligen, nachdem sie den Kurfürsten und den polnischen König als Lehnsherrn nicht mehr gegeneinander ausspielen konnten, ihre Rechte zurück, um ihren Besitz zu sichern. 1680 klagten sie: „Einst ein überaus freies, in voller Lebensblüte stehendes Land, ist Preußen jetzt nicht durch die Schuld der Feinde, sondern durch seine Treue gegen den Herrscher verdorben.“ Die durch das libertäre Lehnsrecht verbrieften Rechte der Stände konnte Friedrich Wilhelm auch in den anderen Provinzen innerhalb des Reiches immer weiter einschränken. Diese Umstrukturierung betraf das ganze Staatswesen. Friedrich Wilhelm fällte, nachdem der erste Aufbau geleistet war, künftig alle Entscheidungen allein, ließ keinen Raum für Gegenseitigkeit Das militärische Führungsprinzip setzte sich in allen Entscheidungsbereichen durch. Offiziere und höhere Beamte konnten nur Adelige werden. Sie waren auch darauf angewiesen, damit sie durch ihre Besoldung ihre oft kleinen Güter unterhalten konnten. Um seine drei unterschiedlichen Länder an das Niveau der westlichen Länder heranzuführen, machte sich Friedrich Wilhelm den Adel abhängig, der, so unterschiedlich seine Geschichte in den einzelnen Provinzen war, durch den Militärdienst homogenisiert wurde – eine Transformation des alten Ordensgeistes –, und überließ die Bevölkerung dieser Führungsschicht. Um sein Heer aufzubauen, um seinen Staat dadurch im Konzert der europäischen Mächte unabhängig zu machen, brauchte er Subsidien, nahm sie von Frankreich und Österreich, die beiden verfeindeten Großmächte gegeneinander ausspielend, und machte sich, um unabhängig zu werden, abhängig.

Der Sohn Friedrich III. konnte nach Zahlungen an den kaiserlichen Hof und der Bereitstellung von 8 000 Soldaten für den Spanischen Erbfolgekrieg in einem Moment, als sich Österreich isoliert sah, die Königswürde für das preußische Herzogtum außerhalb des Reiches erwirken. Damit war er als König, worauf er bestand, unabhängig vom Reich: Rex Brandenburgicus in Prussia. Damit waren auch die Ansprüche auf den zu Polen gehörenden westlichen Teil des ehemaligen Ordensstaates und das Ermland formuliert. Als Friedrich I. krönte er sich selbst nach schwedischem Vorbild. Sein Sohn, Friedrich Wilhelm I., konnte während des Nordischen Krieges – zusammen mit Holstein – 1713 Stettin besetzen. Im Frieden von Stockholm 1720 wurden dann Stettin und Vorpommern Preußen zugesprochen. Was sein Vater prunksüchtig mit dem Bau des Schlosses, des Zeughauses, des Charlottenburger Schlosses, mit allem, womit er seinen Anspruch auf die Königswürde manifestierte, ausgegeben hatte – das Dreifache seiner Einnahmen –, hatte der Sohn einzusparen. Er konzentrierte sich auf den Aufbau der Verwaltung, die Ausarbeitung eines preußischen Landrechts, vor allem aber auf den Ausbau des Heeres, die einzige Sicherung seines Reichs. Er verdoppelte es auf über 80 000 Mann, machte es zum viertstärksten in Europa. Fast 80 Prozent des Staatshaushaltes verwendete er dafür. Ein Drillmeister, ständig unterwegs, das Heer zu perfektionieren. Seine Anspannung äußerte sich in Jähzorn und Hilflosigkeit, in seinem Sichbloßstellen beim täglichen Einsatz des Stockes gegen die Familie, gegen jedweden auf der Straße herausgegriffenen Bürger. Friedrich Wilhelm verfiel oder rettete sich „in mehr als drei tödliche Krankheiten“, die er lernte „politisch“ einzusetzen, wie der wartende Kronprinz seiner Schwester versicherte. (An Wilhelmine, 10. Januar 1735 und [27.] Juni 1735)



Prädestination und Selbstinszenierung. Das Training des Rollentauschs. Die Eröffnung ein Blitzkrieg

Nichts war an Friedrich Wilhelm I., „der alles selber regieret“, was dem Anspruch eines absolutistischen Herrschers als eines von Gott geschaffenen Archetypus seiner selbst nachkam, außer diesem alttestamentarischen Zorn, der sich in der Opferung des eigenen Sohnes um des Staates willen zu entladen suchte. Dieser wurde sich selbst zum Instrument, gestimmt von seinem Vater, bestimmt von einem Glauben an sich selbst – begründet und verteidigt dem Vater gegenüber mit der Prädestinationslehre des Kalvinismus. Der Vater hatte die Erzieher angehalten, ihm diese Lehre auszutreiben. Der Sohn sollte dem Staat dienen, nicht der Staat dem Sohn – als dem Auserwählten durch Gottes Gnadenwahl. Einen Monat vor der Exekution Kattes war Friedrich ein letztes Mal verhört worden. Unter das Protokoll vom 11. Oktober 1730 ließ er noch setzen: „Es wären bald 5 Monate, daß Er nicht zum Abendmahl gewesen, bäte, einen Priester in seine Kammer kommen zu lassen, um Ihm das Abendmahl zu reichen, und da Er, der Kronprinz in diesem Vorhaben wäre, so würden S.K.M. auch seiner Versicherung glauben, daß Er S.K.M., Sie möchten auch mit Ihm machen, und mit aller schärfe verfahren, wie Sie wollten, mit allem Respect lieben werde.“ Im Klartext hieß das: „Er, der Kronprinz in diesem Vorhaben wäre“ der von Gott durch die Gnadenwahl Bestimmte, der Vater also müsse sich vor Gott verantworten. Darauf folgt aus dem Vaterunser: „Dein Wille geschehe.“ Dem Vater erklärt, der seinen Willen Gott erklären solle, wenn er es denn könne. Der Vater notierte neben den Protokolltext: „so eine sehle vo(n) officier will ich nit in der armee haben geschweige in mein Regi.FW.“ Als sich der Sohn ein halbes Jahr später, am 3. Mai 1731, beim Vater für „geistliche Bücher“ bedankte, erhielt er zur Antwort die Versicherung, „daß ich mehr weiß, als was Ihr habet bei der Commission ausgesaget; also sollet Ihr hier wieder eine Probe haben, daß alle Falschheit in der Welt nichts hilft“, der Sündenfall – und die Aufforderung, „daß Ihr Gott möget vor Augen haben, alle die verdammten prädestinatischen Sentiments aus Eurem bösen Herzen mit Christi Blut abwaschen“.

Der Vater hatte den Sohn von dem Druck befreit, Gott für sich beanspruchen zu müssen. An die Stelle der Prädestination setzte der Sohn die Selbstinszenierung, an die Stelle Gottes den Ruhm: „Dir treu im Leben und im Tod.“ Ein Vers aus seiner Ode sur la gloire. Sein Jenseits die Unsterblichkeit. Sein Ruhm die Messe. Die Ehre der Transmissionsriemen, um das Militär und die Untertanen gleichermaßen zu mobilisieren, Preußen und sich gleichsetzend.

Der Vater befreite durch eine erzwungene Heirat den Sohn auch von dessen Verantwortung gegenüber seiner Frau. Damit er als Thronfolger aus Küstrin nach Berlin zurückkehren konnte, musste er einwilligen, Elisabeth Christine von Braunschweig- Bevern zu heiraten, eine Nichte der Kaiserin. Eine Allianz, zu der der Kaiser „unmittelbar gerathen und geholfen“ hatte, so Seckendorff, der sie mit Hilfe des Vaters durchzusetzen verstand. Friedrich wehrte sich: „Ich habe genug gebüßt für mein aufgebauschtes Vorgehen und ich will mich nicht dazu verpflichten, mein Elend auf ewig zu verlängern“, schrieb er am 19. Februar 1732 an Grumbkow: ihm bleibe die Pistolenkugel. Grumbkow schickte alle Briefe nach Wien. Seiner Schwester Wilhelmine aber verriet Friedrich: „Ich stelle mich, als wenn ich sie haßte, um meinen Gehorsam dem König gegenüber um so besser zur Geltung zu bringen.“ (Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth) Am 4. September 1732 erklärte er Grumbkow, die Heirat sei „der Preis für meine Freiheit“, er werde heiraten „als Mann von Lebensart, das heißt, ich lasse Madame ihre Wege gehen und tue meinerseits, was mir gefällt; vive la liberté“. Er mochte ihm auch gestehen: „Ich liebe die Frauen, aber meine Liebe ist sehr flatterhaft; ich suche den Genuß, nachher verachte ich sie.“ In dem Jahr, das ihm bis zur Heirat blieb – ein von Seckendorff zugestandenes, damit die Braut ihre Bildung verbessere –, stürzte er sich in Abenteuer. Er zog sich eine Geschlechtskrankheit zu, Gonorrhöe vermutlich. Sie wurde vom Leibarzt des Markgrafen Ludewig zu Malchow behandelt. Die Hochzeit fand statt. Die Krankheit brach heftig wieder aus. Der Arzt Johann Georg Zimmermann, den Friedrich II. kurz vor seinem Tod konsultierte, berichtete, was er von seinem Patienten erfahren hatte: „… der kalte Brand war so nah, daß nichts in der Welt mehr dem kranken Friedrich das Leben zu retten vermochte und wirklich gerettet hat: als – ein grausamer Schnitt!“ (Fragmente über Friedrich den Großen, 1790) Die Folgen blieben ein Geheimnis.

Im August 1736 bezog der Kronprinz Schloss Rheinsberg. Er schuf sich einen Musenhof – nach den Bildern Watteaus. Er studierte, schrieb, dichtete, musizierte und kam seinen Pflichten gegenüber seinem Regiment in Ruppin nach. Er lernte es, seinen Körper zu einem Instrument zu machen, mit dem er über andere verfügen konnte. Sein Körper seine erste Waffe. Er lernte es, die Geschichte, sie studierend und beschreibend, einzusetzen für das Einbringen der Gebiete zwischen den versprengten Landesteilen, damit Preußen ein Körper werde und souverän im Konzert der Großmächte.

Als er Montesquieus Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence studierte – das Buch hatte er wohl bald nach dessen Erscheinen 1734 in Amsterdam erworben, versah es Jahre hindurch mit Unterstreichungen und Anmerkungen, später nahm es Napoleon bei seinem Besuch in Sanssouci mit –, unterstrich er die Sätze über die makedonischen Könige: „Ihre Monarchie zählte nicht zu jenen, die ihren am Anbeginn festgelegten Gang gehen. Beständig durch die Gefahren und Ereignisse klug gemacht und in alle Streitigkeiten der Griechen verwickelt, mußten sie die wichtigsten Städte für sich gewinnen, die Völker blenden und die Interessen trennen oder vereinigen. Bei all dem waren sie gezwungen, jederzeit für ihre Sache mit ihrem Leben einzustehen“ – und schrieb an den Rand: „Diese Könige von Makedonien waren das, was ein König von Preußen und ein König von Sardinien heutzutage sind.“ König Viktor Amadeus II. , Fürst von Piemont und Herzog von Savoyen, der 1720 Sardinien gegen das sieben Jahre zuvor erhaltene Sizilien eingetauscht hatte, dieser „geschickteste und hinterhältigste Fürst seiner Zeit“ – Friedrichs Urteil im Antimachiavell –, konnte seinen Sohn Karl Emmanuel anleiten: „Mein Sohn, Mailand muß man essen wie eine Artischocke, Blatt für Blatt.“ So jedenfalls zitierte ihn Friedrich II. im Politischen Testament aus dem Jahre 1752, um wegen der Erwerbung des westlichen Teils des alten Ordensstaates, des Verbindungsstücks zwischen Hinterpommern und Ostpreußen, seine eigene Haltung gegenüber Polen zu formulieren. 1730, als Friedrich fliehen wollte, übergab Viktor Amadeus II. seinem Sohn die Regierungsgeschäfte. Als er sie ein Jahr später wieder für sich beanspruchte, ließ ihn der Sohn im Castello di Rivoli gefangen setzen, wo er ein Jahr darauf starb. Am 28. Oktober 1733 konnte Karl Emmanuel I. ohne große Schlachten in Mailand einziehen.. Von Vater und Sohn konnte Friedrich lernen.

Das Kräfteverhältnis in Europa hatte Friedrich 1738 in seinen Considérations sur l’état présent du corps politique de l’Europe analysiert. Sein Vater starb am 31. Mai 1740. Als knapp ein halbes Jahr später, am 20. Oktober, auch Karl VI. starb, war der Zustand eingetreten, auf den Friedrich II. gewartet hatte. „Welcher Zustand eignet sich mehr dazu, Europa Gesetze zu geben?“ hatte er zwei Jahre zuvor geschrieben. „Welche Konjunktur könnte günstiger sein, um alles zu wagen?“ Am 29. Oktober, vier Tage nach Eintreffen der Nachricht vom Tode des Kaisers, besprach Friedrich II. mit dem Minister Heinrich Graf von Podewils und Feldmarschall Kurt Christoph Karl Graf von Schwerin den Einmarsch in Schlesien. Am 16. Dezember – im Winter, womit keiner rechnen konnte – marschierte er los, mit 20 000 Mann. Österreich hatte 8 000 Soldaten in Schlesien stationiert. Dort, wo die Wirtschaft blühte, das höchste Steueraufkommen im Habsburgerreich zu verzeichnen war. Schlesien war nicht irgendeine Provinz. Es trennte auch Sachsen und Polen, die in Personalunion von den Wettinern regiert wurden. Friedrich II. beendete jäh die lange, durch den Utrechter Frieden von 1713 bewirkte Friedensperiode, innerhalb derer sich Preußen hatte konsolidieren können. Der Überfall leitete den Umsturz des europäischen Kräfteverhältnisses ein. Der Erfolg prägte den preußischen Geist. Das Muster war gestanzt, das Wort noch nicht gefunden: Blitzkrieg.

Für sein Kabinett im Berliner Schloss ließ Friedrich II. von Antoine Pesne, der ihn mehrfach porträtiert hatte, die Tänzerin Barbara Campanini, genannt „Barbarina“, malen – lebensgroß, wie sonst nur einen Hohenzollern: den Star des Berliner Publikums, aus Venedig für sein 1742 errichtetes Opernhaus abgeworben. Die Schellentrommel, die sie im Sprung mit der Linken hochhält, mit der Rechten auf sie weisend, als wäre sie ein Spiegel, der doch nichts herausgibt: Die Schellentrommel ist das Gegenstück zu dem Szepter auf den Gemälden des Königs. Porträtiert in ihrer Tanzkunst, wurde Barbarina zum Bild für den König in seiner Staatskunst. Politik als Tanz, als Geschlechtertausch. Das einzige Bild im Kabinett den Gesprächspartnern gegenüber.

Friedrich II. liebte und lebte den Rollentausch. Daraus holte er seine Kraft, um als Krieger loszuschlagen und zu siegen. Er hatte das Spiel zu bestimmen, als Spielleiter und als Protagonist. Er verfügte über die Bilder, die er für sich einsetzen konnte – sein eigener Mythologe. Die Rollen übte er mit seinem Vorleser, die Tragödien von Racine sein erstes Repertoire. Der trainierte, jederzeit zu vollziehende Rollentausch erzeugt einen Wirbel, einen Sog, der den anderen hineinzieht, ihm den Boden wegzieht.



Der Künstler, der den Staat formt; der Krieger, der der Staat ist

„Es waren in Friedrich II.“, schrieb Germaine de Staël 1810 im ersten Buch von De l’Allemagne, „zwei ganz verschiedene Menschen, ein Deutscher von Natur, ein Franzose von Erziehung.“ Diese Scheidung in zwei mochte durch die Erziehung begründet sein, ging aber durch alle Erscheinungsformen Friedrichs II. hindurch. Begründet in der Janusköpfigkeit Preußens, in der Aufgabe, den Westen und den Osten zusammenzuführen, begründet in den noch hundert Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg gegenwärtigen Schäden im Land, begründet in der Notwendigkeit, einen Staat zu schaffen, in dem die aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Herkünften angeworbenen Menschen, die durch Eroberungen und Annexionen eingebrachten Bevölkerungsschichten zusammengeführt werden konnten – so schuf er seinen Untertanen ein Bild von sich als Inszenierung seiner selbst: Die zwei Körper des Königs, den sterblichen und den unsterblichen, lebte Friedrich II., den Gott nicht geformt hatte, sich an dessen Statt setzend als Künstler, der den Staat formte, das Werk seiner Unsterblichkeit, und als Menschen, der sich bei seiner Arbeit an diesem Werk – nach dem Wort seines Vaters – als premier serviteur in seiner Bedürftigkeit zeigte. So hat er die Gestalt des aus zwei Körpern bestehenden Königs säkularisiert und den Preußen den Staat zum Gott gemacht. „Der Staat war ihnen der präsente Gott“, schrieb Carl Schmitt über die Preußen in sein Glossarium am 3. März 1949 – zwei Jahre nach der Abschaffung des preußischen Staates durch den Alliierten Kontrollrat. „Sie haben eine antitheologische französische Erfahrung theologisch ernst genommen. Der Staat war das preußische Sakrament.“

Alles hatte Friedrich II. darangesetzt, Voltaire, den ersten der Philosophen der Aufklärung, an seinen Hof zu holen. Ihm gegenüber erklärte er, der sich selbst als Philosoph verstand, er sei ein „Handwerker in der Politik“, und mit ihm wolle er über Politik nicht reden. Doch vielleicht wäre die Politik für Voltaire interessanter gewesen als das Korrekturlesen der philosophischen, historischen und poetischen Texte des Gastgebers. Schreibend waren sie beide mit der jüngeren Vergangenheit ihrer Länder beschäftigt, um auf die Gegenwart einzuwirken: Während Friedrich II. seine Ausgabe der Mémoires pour servir à l’histoire de la maison de Brandenbourg von 1748 erweiterte, überarbeitete Voltaire sein bereits 1737 Friedrich zur ersten Lektüre überlassenes, 1739 abgeschlossenes, doch noch nicht publiziertes Manuskript Siècle de Louis XIV., mit dem er versucht hatte, den Sonnenkönig, gegen den er als junger Mann angetreten war, gegenüber aktuellen Herabsetzungen zu rehabilitieren – oder sich selbst ihm gegenüber zu rehabilitieren. Aus der Vergangenheit holte er das Vorbild, das Friedrich II. brauchte, um Preußen in ein goldenes Zeitalter der Künste und Wissenschaften zu führen. „Barbaren“ waren Voltaire die Franzosen in den neun Jahrhunderten vor Ludwig XIV., „halbe Barbaren“ waren Friedrich seine Untertanen. „Das Zeitalter Ludwigs XIV. teilt also in jeder Hinsicht das Los der Zeitalter Leos X., Augustus’ und Alexanders. Die Gefilde, die in jenen ruhmvollen Tagen so viele Früchte des Genies erzeugten, waren lange vorher zubereitet worden. Man hat vergebens unter den moralischen und den physischen Ursachen nach dem Grund für diese verspätete und eine lange Sterilität nach sich ziehende Fruchtbarkeit gesucht – der wahre Grund ist der, daß bei den Völkern, die die Künste pflegen, viele Jahre zur Reinigung der Sprache und des Geschmacks erforderlich sind. Sind diese ersten Schritte getan, dann entwickeln sich die Genies, der Wetteifer; die diesen neuen Bestrebungen sich zuwendende Gunst des Publikums regt alle Talente an, und jeder Künstler erfaßt in seiner Kunstgattung die natürlichen Schönheiten, die dieser Gattung zustehen.“ (Das Zeitalter Ludwigs XIV., 32. Kapitel: „Die schönen Künste“) In einem Manuskript von 1752, einem Brief an den Freund Jakob Friedrich Bielfeld als Antwort auf dessen Schrift Progrès des Allemands dans les sciences, les belles-lettres et les arts, particulièrement dans la poésie, l’éloquence et le théâtre übertrug Friedrich II. auf Preußen, was er aus Voltaires Darstellung für die Formulierung seiner eigenen Aufgabe brauchen konnte: „daß in allem die Fortschritte ihre Zeit brauchen und daß der Kern, den man in die Erde steckt, erst Wurzeln fassen muß, dann aufgeht, seine Zweige ausbreitet und kräftig wird, ehe er Blüten treibt und Früchte trägt. Nach diesem Ablauf mustere ich sodann Deutschland, um den Punkt, an dem wir angelangt sind, gerecht abzuschätzen; ich halte meinen Verstand frei von jedem Vorurteil; die Wahrheit allein soll mich erleuchten. Ich finde noch eine halb barbarische Sprache vor, die in ebenso viele Dialekte zerfällt, wie Deutschland Länder und Gegenden aufzuweisen hat.“ Erst müssten Kriege geführt werden: „Ein Augustus wird einen Vergil hervorbringen.“ Ein Manuskript, das er erst 1780 überarbeitet veröffentlichte.



Der philosophische Dichter und der poetische Weltweise gegenüber der Macht

Als zwei Schachspieler, die sich gegeneinander erproben sollten, hatte Aron Gumperz 1754 Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn einander vorgestellt. Der Dichter und der Philosoph fanden ihren Austausch in dem Spiel, von dem Leibniz gesagt haben soll: „Die erstaunliche Logik und die mathematische Exaktheit stellen das Schachspiel auf eine Stufe mit jeder exakten Wissenschaft, während Schönheit und Bildhaftigkeit seiner Ausdrucksform im Verein mit künstlerischer Phantasie es in eine Reihe mit allen anderen Künsten rücken läßt.“ Sie konnten ihr Verhältnis als Dichter und als Philosoph, die Aufgabe eines jeden im Gegenüber des anderen, sogleich 1755 in einer gemeinsam verfassten, anonym publizierten Schrift darstellen: Pope ein Metaphysiker! – als Antwort auf die von der Akademie der Wissenschaften 1753 gestellte philosophische Preisaufgabe einer „Untersuchung des Systems von Pope, das in der Behauptung Tout est bien enthalten ist“. Doch ging es bei der Preisaufgabe – und das war allen sehr schnell klar geworden – nicht um Alexander Popes zwanzig Jahre früher geschriebenes Lehrgedicht Essay on Man, sondern um eine vom Präsidenten Maupertuis intendierte Befragung von Leibnizens Vorstellung der „besten der möglichen Welten“. Für Lessing und Moses Mendelssohn, beide Anhänger von Leibniz, eine Provokation – und unsinnig schon die Tatsache, einen Dichter nach einem philosophischen System zu befragen. Sie fanden als Bild der Klarstellung eines für sie beide: „Der Philosoph, welcher auf den ‘Parnaß’ hinaufsteiget, und der Dichter, welcher sich in die Täler der ernsthaften und ruhigen Weisheit hinabbegeben will, treffen einander gleich auf halbem Wege, wo sie, so zu reden, ihre Kleidung verwechseln und wieder zurückgehen. Jeder bringt des andern Gestalt in seine Wohnungen mit sich; weiter aber auch nichts als die Gestalt. Der Dichter ist ein philosophischer Dichter, und der Weltweise ein poetischer Weltweise geworden. Allein ein philosophischer Dichter ist darum noch kein Philosoph, und ein poetischer Weltweiser ist darum noch kein Poet.“

Friedrich II. und Voltaire brauchten sich und bekämpften einander, um sich jeder durch den anderen des eigenen Machtzuwachses zu versichern. Die Form des Austausches zwischen Lessing und Moses Mendelssohn aber war ein Kleidertausch auf halber Höhe zwischen Parnaß und Flußtal, die Erprobung im Haushalt des anderen, die Erkenntnis im Tausch – eine Übergabe, die weitergeht an die Leser, das Publikum, die in die Gesellschaft eindringt.

Lessing war schon in Berlin, als Voltaire nach Potsdam kam, und fand den Kontakt zu dessen Sekretär Richier de Louvain. Er übersetzte einige Texte Voltaires und wurde Dolmetscher im Prozess zwischen ihm und Abraham Hirschel, einem jüdischen Geschäftsmann, wegen ausdrücklich von Friedrich II. verbotener Geldgeschäfte, einer groß angelegten Spekulation mit sächsischen Steuerscheinen. Er verfolgte, wie es Voltaire gelang, sich aus der Schlinge, die ihm Hirschel gelegt hatte, zu befreien, und dichtete darauf: „Herr V… war ein größrer Schelm als er.“ Als Lessing Druckbögen von Siècle de Louis XIV., die ihm Voltaires Sekretär zur Lektüre überlassen hatte, nicht vor seiner Abreise nach Wittenberg zurückgegeben hatte, schrieb ihm Voltaire einen heftigen Brief und machte ihn bei Hofe schlecht. Lessing erfuhr in Voltaires Interesse an der Macht – in dessen Hybris, Schärfe, Brillanz, Rücksichtslosigkeit, in dessen Wissen –, erfuhr in dessen Spiel die Macht. Ihr hatte er sich zu stellen – in einer Polemik, die für eine allgemeine öffentliche Diskussion jenseits der Sprache des Hofes taugte. „Fll“ war das Signum seiner Beiträge für die 1759 von ihm begründeten, von Moses Mendelssohn und Christoph Friedrich Nicolai mitgetragenen, anonym herausgegebenen Briefe, die neueste Literatur betreffend: flagellum = Peitsche oder Geißel = Fll: F II.

In diesen Briefen publizierte Moses Mendelssohn am 24. April 1760 eine Rezension der Poésies divers von Friedrich II. Er stellte fest: „Jeder Vers beynahe ist ein Zug von dem Charakter dieses Prinzen, worinn seine große Seele, sein noch größeres Herz, und seine Schwachheit selbst, auf das natürlichste geschildert sind“, um ihn dann darauf aufmerksam zu machen, was den Dichter vom Regenten scheidet: „Jenem ist es erlaubt, zum Zeitvertreibe Gedanken in Reime zu bringen, die der Regent durch Thaten verläugnet, der Weltweise durch Gründe verspottet, und der Mensch selbst, der sich seines angeborenen Adels bewußt ist, anzunehmen sich weigern muß.“ Die Scheidung der Aufgaben zu achten, sie einzufordern, das ist der erste Schritt aus der Vereinnahmung durch die Macht.



Jenseits des Todes – sans souci

Den „Wüsten Berg“ bei Potsdam ließ Friedrich II. terrassieren, um seinen eigenen Ort zu realisieren: ein „Lustschloß auf dem Weinberg“. Auf der Ostachse des Schlosses stellte er in den Fluchtpunkt des aus seinem Arbeitszimmer herausführenden Laubengangpavillons eine Statue des Antinous, des Lieblings von Kaiser Hadrian, erworben aus dem Nachlass von Prinz Eugen. Für Friedrich II. war er, den er noch bei einem Manöver in Heidelberg kennen gelernt hatte, der Inbegriff des Ruhmes, war ihm verbunden in der Knabenliebe. Hadrian hatte in Mantineia, der Stadt in Arkadien, wo Diotima, so Platon, als Priesterin der Aphrodite gewirkt hatte, einen Tempel für den im Nil ertrunkenen Antinous gebaut, um ihn zu vergöttlichen, und einen eigenen Kult geschaffen. Einen dionysischen Kult. Die meisten Statuen dort, berichtet Pausanias, „stellten Antinous in der Gestalt des Dionysos dar“. Die Statue in Potsdam – kein dionysischer Gott, heute aberkannt als Antinous und als Betender Knabe aus Rhodos geführt – mag Friedrich II. dem Kult seiner Unsterblichkeit geweiht haben, die Hände erhebend zum Gebet an den Ruhm: „O Ruhm, im tiefsten Herzensschachte / fühl ich dein himmlisch Feuer sprühn.“ Wie es Friedrich II. bekannte in seiner Ode sur la gloire.

Rechts vom Laubengang, im Blick aus seinem Arbeitszimmer, ließ Friedrich II. gleich zu Beginn der Bautätigkeit eine Gruft ausheben und verbarg sie unter der Bildsäule der Blumengöttin. Mit der er hier Poussins Reich der Flora imaginieren konnte, 1631 gemalt, 1722 für die Dresdner Gemäldesammlung erworben, in einer Raumflucht des Schlosses wird er es 1728 beim Staatsbesuch mit seinem Vater gesehen haben: mit einem gleichen Laubengang wie dem für Antinous; mit Aktaion, der seinen Hunden die ihm von ihnen zugefügten, nun in Blumen verwandelten Wunden zeigt – den Windspielen gleich, die er hier in seiner Gruft bestattete, wartend, bis er selbst nachkäme; mit Ajax, der sich – befreit von Athenes Blendung – ins Schwert stürzt; mit Narziss, der sich von seinem Spiegelbild im Wasser nicht mehr lösen kann und sterben wird; mit Ganymed, zart wie Antinous, Jupiters Mundschenk, der die von Hephaistos für ihn geschaffene goldene Weinrebe betrachtet, blau glänzend, als wäre sie im Frühling reif; mit Orpheus, dem eine Hetäre, sich an ihn schmiegend, eine gerade gepflückte Wicke in die geöffnete linke Hand legen will, in der eine andere Blume verblühend ruht: ein Asphodill aus dem Totenreich, aus welchem er Eurydike nicht hatte heraufführen können – sie alle von den Göttern Geschlagene, Todgeweihte im Chor der Hetären, die Flora tanzend, Blumen austeilend, den Sterbenden zuführt, die Göttin der Blumen, des Frühlings und – hier sehen – der Toten, Göttin und Dirne; über ihr, über den Wolken aufgerichtet, ein mächtiger goldener Reif, die Sonne ein Durchgang, durch den Phöbus Apollon seine Quadriga jagt. Ein Memento mori! und ein Et in Arcadia ego: Der Blick auf die Flora ist der Blick auf das Grab darunter. Der Blick auf die Exekution von Katte. Der für ihn starb. Hinter diesem die Hunderttausende, die er für sich sterben ließ. Auf die Gruft deutend, gestand er nach der Überlieferung von Friedrich Nicolai dem Marquis d’Argens: „Quand je serai là, je serai sans souci!“ Als „Sanssouci“ hatte er einmal sein inzwischen seinem Bruder Heinrich überlassenes Schloss Rheinsberg bezeichnet. Nun wurde dies der Name seines Sommersitzes: der Ort jenseits des Todes. Der Park: das Gefilde der für ihn gefallenen Geister. Der „Wüste Berg“ verwandelt in den „Weinberg“, das Elysium hier auf Erden, ein anderes dachte er nicht.

Im Rücken von Sanssouci, in einer Diagonale von der Flora, dem Grab, nach Nordwest, steht eine Windmühle, hoch aufgerichtet über dem Schloss, das – von Friedrich II. gegen den Willen des Architekten um seinen Sockel gebracht – in den Boden gesunken dasteht. Die Mühle zu verstehen als Bild des Vaters, seine Erscheinung im Rücken, der Betriebsame in der Monotonie des sich drehenden Windrades immer zu hören – das Bild dessen, der am liebsten abgedankt und das Land bei seinem Schloss Königswusterhausen bestellt oder sich nach Holland zurückgezogen hätte. Der Schatten des Vaters, der den Sohn in den Träumen immer wieder heimgesucht hat. Träume, die er de Catt erzählte: „… ich weiß nicht, wie das zugeht, ich habe sehr häufig dieselben Träume. Mir träumte also, mein Vater sei des Nachts mit sechs Soldaten in mein Zimmer gekommen und befehle ihnen, mich zu binden und nach Magdeburg zu bringen. ‘Aber warum nur?’ frage ich meine Bayreuther Schwester. – ‘Weil Sie Ihren Vater nicht genug geliebt haben.’ – Und ich erwachte schweißgebadet, wie wenn man mich in den Fluß getaucht hätte.“ (25. April 1758) Der Vater, den er doch geliebt hatte, der ihm alles – ein Heer, in „strenger Manneszucht“ geführt, und alle Verwaltungszweige, in „welch große Ordnung“ gebracht – zur Verfügung gestellt hatte, damit er – der junge Alexander – losziehen konnte. Der am Vormittag den Sohn vor seinem Potsdamer Schloss empfangen hatte, um ihm die Regierung zu übergeben, und am Nachmittag, auf die zu unterschreibende Erklärung wartend, gestorben war. Friedrich II. blieb, kinderlos, der Sohn.



Der Siebenjährige Krieg. Ewald von Kleists Tod. Lessing Gouvernementssekretär

Einer der vielen, die Katte folgten, da sie Friedrich II. anders nicht weiter folgen konnten, war Ewald von Kleist, Dichter und Major. „Er hatte sein Leben niemals ängstlich geliebt und liebte es nie weniger als itzt, da er unter Friedrichs Augen zu siegen oder zu sterben die Wahl hatte“, war über ihn in der Vorrede zur Ausgabe seiner Sämtlichen Werke ein Jahr nach seinem Tod zu lesen. Am 12. August 1759, einem heißen Tag, kurz vor Mittag, hatte Friedrich II. die vor Frankfurt an der Oder stehenden Russen bei Kunersdorf angreifen lassen. Nach anfänglichem Erfolg war die Niederlage abzusehen. Die Generäle rieten zum Rückzug. Friedrich II. aber schickte die Bataillone mit immer neuen Angriffswellen in den Tod. Ewald von Kleist „griff, unter der Anführung des Generals von Fink, die Russische Flanke an. Er hatte mit seinem Bataillon bereits drey Batterien erobern helfen, er hatte dabei zwölf starke Kontusionen empfangen, und war in die beiden ersten Finger der rechten Hand verwundet worden, so daß er den Degen in der linken Hand halten mußte. Sein Posten als Major verband ihn eigentlich hinter der Fronte zu bleiben, aber er bedachte sich nicht einen Augenblick vorzureiten, als er den verwundeten Commandeur des Bataillons nicht mehr erblickte. Er führte sein Bataillon unter einem entsetzlichen Canonenfeuer von Seiten der Feinde gegen die vierte Batterie an. Er rief die Fahnen seines Regiments zu sich, und nahm einen Fahnenjunker beym Arm. Er ward wieder durch eine Kugel in den linken Arm verwundet, so daß er den Degen nicht mehr mit der linken Hand halten konnte, er faßte ihn also wieder in die verwundete rechte Hand mit den beiden letzten Fingern und dem Daumen: er drang weiter, und war nur noch dreißig Schritte weit von dieser letzten Batterie, als ihm von einem Kartetschenschuß das rechte Bein zerschmettert wurde. Er fiel vom Pferde und rief seinen Leuten zu: Kinder, verlaßt euren König nicht!“ Er wurde liegengelassen, vergessen, eine Nacht auf dem Schlachtfeld. Die Russen übergaben ihn einem Arzt. Zwei Wochen später starb er und wurde von den Russen mit einem russischen Säbel, da seiner fehlte, beigesetzt. Als Lessing vom Tod ihres gemeinsamen Dichterfreundes erfahren hatte, schrieb er an Johann Wilhelm Ludwig Gleim am 6. September 1759: „Meine Traurigkeit über diesen Fall ist eine sehr wilde Traurigkeit. Ich verlange zwar nicht, daß die Kugeln einen anderen Weg nehmen sollen, weil ein ehrlicher Mann da stehet. Aber ich verlange, daß der ehrliche Mann – Sehen Sie; manchmal verleitet mich mein Schmerz, auf den Mann selbst zu zürnen, den er angehet. Er hatte drei, vier Wunden schon; warum ging er nicht? Es haben sich Generals mit wenigern, und kleinern Wunden unschimpflich bei Seite gemacht. Er hat sterben wollen.“

Noch am Abend der Schlacht von Kunersdorf schrieb Friedrich II. an Karl Wilhelm Graf Finck von Finckenstein, seinen engsten Minister: „Ich sehe keine Rettung mehr und, die Wahrheit zu gestehen, ich halte alles für verloren. Ich werde den Untergang meines Vaterlandes nicht überleben.“ Eine Woche später beteuerte er am 20. August 1759 dem Marquis d’Argens: „Ich denke nicht an den Ruhm, sondern an den Staat. Wenn er, nachdem ich ihm alles geopfert habe, trotz meiner Fürsorge unterliegt, muß ich die schon lange drückende und beschwerliche Last des Lebens von mir werfen.“ Seinen Selbstmord hat Friedrich II. immer wieder annonciert. Eine Waffe dessen, der die anderen in den Tod trieb: das Bild eines, der den äußersten Einsatz gewagt hat, der sich selbst zum Opfer bringt. In einer Randbemerkung zu Catos Selbstmord in Montesquieus Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence notierte er: „Das ist ein Mittel, das man nur in den äußersten Notlagen gebrauchen soll. Der Grund liegt darin, da man sich dieses Mittels nur einmal bedienen kann.“

Ein Jahr nach der Schlacht von Kunersdorf folgte Lessing dem Angebot des Generals Boguslaw Friedrich von Tauentzien, als dessen Gouvernementssekretär zu arbeiten – in Breslau, Schlesiens österreichisch gesinnter, gegen Österreich zu verteidigender, schon schwer beschädigter Hauptstadt. Tauentzien hatte Lessing durch Ewald von Kleist kennen gelernt. Als ihm durch Friedrich II. ein neuer Aufgabenbereich zugeordnet wurde, war für ihn Lessing, da dieser den besten Austausch mit der jüdischen Gemeinde pflegte, der Mann der Stunde: Um seinen Krieg weiter finanzieren zu können, hatte sich Friedrich II. – um die katastrophalen Folgen wissend – zur Münzverschlechterung entschlossen, Tauentzien zum Generalmünzdirektor berufen und zur Durchführung dieses Geschäftes die Berliner Münze an Nathan Veitel Heyne Ephraim und Daniel Itzig verpachtet. Nicht nur die preußischen, auch sächsische und polnische Münzen waren, soweit ihrer habhaft zu werden war, einzuziehen und umzuschmelzen. Als sich Lessing entschlossen hatte, nach Breslau zu gehen, wurde er am 23. Oktober in die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin als „auswärtiges Mitglied“ aufgenommen. Lessing verließ Berlin am 7. November, ohne sich von den Freunden zu verabschieden. Um nicht „die Torheit meines Entschlusses auf einmal in ihrem völligen Lichte zu sehn“, gestand er Moses Mendelssohn auf den Tag einen Monat später. Er versicherte ihm, wie er mit der Aufgabe der Betreuung der Münzgeschäfte mit Ephraim und Itzig umgehen werde, und bat ihn auch um Mithilfe: „Was Ephraim übrigens anbelangt, so ist mir lieb, daß alle die Gefälligkeiten, die er sich von mir versprechen kann, von der Art sind, daß ich niemanden dadurch schaden, auch mich selbst keiner Verantwortung dabei aussetzen kann: doch werde ich darum nicht aufhören, auf meiner Hut zu sein; und Sie, liebster Freund, werden mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie mir dann und wann, von diesem oder jenem, einen kleinen Wink geben.“ (7. Dezember 1760)

Ein Vierteljahr später, am 30. März, schrieb er Moses Mendelssohn: „Ihr Lessing ist verloren!“ Oder er, Lessing, war verloren in den Berliner Diskussionen, ausgesetzt den patriotischen Reden auf der Straße wie im Freundeskreis. Er, der in Berlin der Sachse und in Sachsen der Preuße war, dem die „Liebe zum Vaterland“, so in einem Brief vom 14. Februar 1759 an Gleim, „aufs höchste eine heroische Schwachheit“ schien, „die ich recht gern entbehre“: Er setzte sich dem Krieg aus, der Hunderttausende das Leben kostete, das Land verwüstete, die Gesellschaft aushöhlte und sie einschneidend veränderte. Die am Krieg verdienten, zogen in die vom Adel geräumten Palais. Lessing studierte, sie mitorganisierend, die Macht.

Exzessiv betrieb er das Pharaospiel. Mit Einsätzen, um die ihn sein General rügte: „Ja“, erwiderte er ihm, so übermittelt von seinem Bruder Karl, „das hohe Spiel habe den Vorteil, daß es die Aufmerksamkeit erhalte, das kleine aber zerstreue sehr leicht.“ Und als ihm ein Freund vorwarf, er ruiniere seine Gesundheit: „Gerade das Gegenteil“, zitiert ihn der Bruder. „Wenn ich kaltblütig spielte, würde ich gar nicht spielen; ich spiele aber aus Grund so leidenschaftlich. Die heftige Bewegung setzt meine stockende Maschine in Tätigkeit, und sie bringt Säfte in Umlauf; sie befreit mich von meiner körperlichen Angst, die ich zuweilen leide.“ Er setzte dem Kriegsdienst das Glücksspiel entgegen. Er setzte es dem va banque entgegen, mit dem Friedrich II. seine Schlachten kurz entschlossen offensiv führte, diesem „Alles oder nichts“. „Ich muß fast stets mit einer Schnelligkeit und Kühnheit handeln, wie sie die Vorsicht und die Klugheit nicht zulassen würden“, erklärte Friedrich II. Henry de Catt. „So bin ich gezwungen, mein Lieber, in meinen Plänen dem Zufall mehr zu überlassen, als ich es in einer weniger heiklen Lage tun würde.“ (11. August 1758)

Die Schnelligkeit war Friedrichs II. Waffe: das Tier auf dem Sprung. Das Operieren mit dem Zufall der Beweis seines Ingeniums. Von niemandem gehindert, niemandem verantwortlich, unberechenbar. Nach seinem Überfall am 29. August 1756 mit 60 000 Mann auf Sachsen, das zu erwerben, so geraten im Politischen Testament von 1752, „am nützlichsten“ wäre, schrieb er an seine Schwester Wilhelmine am 7. Februar 1757 aus Dresden: „Wenn man die Zeitungen liest, könnte man sagen, daß eine Meute von Königen und Prinzen mich wie einen Hirsch jagen wolle, und sie laden ihre Freunde zur Teilnahme an der Jagd ein. Ich bin durchaus nicht bereit, sie gewähren zu lassen. Ich schmeichle mir sogar, ihr Jagdmeister zu sein.“ Er allein gegen Österreich, Frankreich, Russland, Schweden. Der die Welt herausfordert. Doch hatte er in den ersten Jahren finanzielle Unterstützung durch England, das den Krieg für sich zu nutzen verstand. Oder er gab England Rückendeckung: Frankreichs militärische Einbindung in den europäischen Krieg ermöglichte es England, große Teile des französischen Kolonialreiches zu erobern, vor allem in Indien und in Nordamerika. Der Verlust der Kolonien bewirkte eine Verarmung, leitete einen Prozess ein, der schließlich zur Französischen Revolution führte.

Doch das Bild des „einer gegen alle“ trug ihn. Gleim verglich ihn mit einem sich um sein Volk sorgenden Löwen, gegen den sich drei Tiger verschworen hatten: „Er flog als wie ein Strahl des Blitzes schnell hervor.“ „Das böse Tier“ nannte ihn Maria Theresia. Daß er den Siebenjährigen Krieg – den er, was abzusehen war, militärisch gegen die dreifache Übermacht verlieren musste – mit einem Status quo beenden konnte, verdankte er seiner Selbstinszenierung. Karl Peter Ulrich Herzog von Holstein-Gottorp, ein Enkel Peters des Großen, der im Januar 1762 der Zarin Elisabeth als Peter III. folgte, war ein glühender Verehrer Friedrichs II.: Er wechselte die Front, gab Friedrich II. Preußen zurück und schickte ihm 15 000 Soldaten.



Lessings Studium von Spinozas „Ethik“

Zwei Monate nach Ende des Siebenjährigen Krieges wollte Lessing in einem Brief vom 17. April 1763 Moses Mendelssohn, der dafür keinen Sinn hatte, seine Leidenschaft für das Pharaospiel erklären. Er setzte an, brach ab und sprang auf ein anderes Thema. Abbruch und Sprung gehören zusammen: „Ich habe eine Menge Sophistereien über das Spiel auszukramen. Das fehlte noch, werden Sie sagen. Allerdings; denn das Pharao für sich ist so gedankenlos, daß man sich doch mit etwas dabei beschäftigen muß. Unter anderem bin ich dahinter gekommen – Aber lassen Sie mich nicht vom Spiele, sondern von Spinoza noch ein paar Worte mit Ihnen plaudern.“ Lessing hatte erneut Spinozas Ethik gelesen. Er las sie frei von Leibnizens Vorstellung einer vorherbestimmten Harmonie, zu der dieser, worauf Mendelssohn zehn Jahre zuvor hingewiesen hatte, eben durch Spinoza gekommen war; befreite sie von der Überformung und versicherte sich in Spinoza: „daß alles, was aus der Natur Gottes, und der zufolge, aus der Natur eines einzelnen Dinges, formaliter folge, in selbiger auch objektive, nach eben der Ordnung und Verbindung, erfolgen muß. Nach ihm stimmt die Folge und die Verbindung der Begriffe in der Seele bloß deswegen mit der Folge und Verbindung der Veränderungen des Körpers überein, weil der Körper der Gegenstand der Seele ist; weil die Seele nichts als der sich denkende Körper, und der Körper nichts als die sich ausdehnende Seele ist.“ Als Krieg herrschte, hundert Jahre zuvor, zwischen England und den Niederlanden – die Engländer hatten 1664 die niederländischen Kolonien an der Goldküste sowie Nieuw- Amsterdam (New York) besetzt, worauf im März 1665 die Niederländer England den Krieg erklärten –, schrieb Spinoza an Heinrich Oldenburg, den Sekretär der Royal Society in London, dessen Brief vom September 1665 beantwortend: „Ich freue mich, daß die Leute Ihres Kreises als ‘Philosophen’ leben, ihrer selbst und ihrer Republik eingedenk. Was sie in der letzten Zeit getan haben, will ich erwarten, wenn einmal die Kämpfer am Blut sich gesättigt haben und sich ausruhen, um ein wenig frische Kräfte zu sammeln. Wenn jener berühmte Spötter zu unsrer Zeit lebte, würde er sicherlich sterben vor Lachen. Mich bewegen diese Wirren weder zum Lachen noch auch zum Weinen, sondern vielmehr zum Philosophieren und zum besseren Beobachten der menschlichen Natur.“ Seine Philosophie kommt aus der Beobachtung, aus der Praxis, um wieder auf sie zurückzuwirken. Jetzt unter den Bedingungen des Krieges ein Werkzeug, um der jungen Republik zu nützen. „Denn ich halte es nicht für recht, über die Natur zu spotten, und noch viel weniger, über sie zu klagen, wenn ich denke, daß die Menschen wie alles übrige nur einen Teil der Natur bilden und daß ich doch nicht weiß, wie jeder Teil der Natur mit seinem Ganzen zusammenstimmt und wie er mit den übrigen Teilen zusammenhängt. Bloß aus diesem Mangel an Erkenntnis kommt es, wenn ich etwas in der Natur, das ich nur zum Teil und nur aus dem Zusammenhang herausgerissen begreife und das mit unsrem philosophischen Geiste gar nicht übereinstimmt, wenn ich das vordem dem Anscheine nach nichtig, ungeordnet, sinnlos fand. Jetzt aber lasse ich jeden nach seinem Sinne leben, und wer will, der möge immer für sein Glück sterben, wenn ich nur das wahre leben darf.” (30. Brief) So erläuterte Spinoza den Ansatz zu seinem Theologisch- politischen Traktat, mit dem er seine Arbeit an der Ethik für fünf Jahre unterbrach: sein Einsatz für die Republikaner, die Partei des Ratspensionärs Johan de Witt, gegen die Oranier, deren Rückkehr als Statthalter der Republik, unterstützt von der kalvinistischen Orthodoxie, seiner Meinung nach zu einer monarchistischen Regierung führen würde. „Es ist nicht der Zweck des Staates, die Menschen aus vernünftigen Wesen zu Tieren oder Automaten zu machen, sondern vielmehr zu bewirken“, steht im zwanzigsten Kapitel des Theologisch-politischen Traktates „Die Gedankenfreiheit“, „daß ihr Geist und ihr Körper ungefährdet seine Kräfte entfalten kann, daß sie selbst frei ihre Vernunft gebrauchen und daß sie nicht mit Zorn, Haß und Hinterlist sich bekämpfen noch feindselig gegeneinander gesinnt sind. Der Zweck des Staates ist in Wahrheit die Freiheit.“

Der Theologisch-politische Traktat, 1670 erschienen und sofort heftig attackiert, war für Spinoza aber auch notwendig, um den Boden zu bereiten für seine Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt, an der er nun wieder bis 1675 weiterarbeitete. Das Feld, das er hier freilegte, hat Gilles Deleuze beschrieben: „Eine einzige Natur für alle Körper, eine einzige Natur für alle Individuen, eine Natur, die selbst ein Individuum ist, in dem sich eine Unendlichkeit von Arten variiert. Das ist nicht mehr die Affirmation einer einheitlichen Substanz, das ist die Ausfaltung eines allgemeinen Immanenzplans, auf dem sich alle Körper, alle Seelen, alle Individuen befinden. Dieser Immanenzplan oder Konsistenzplan ist kein Plan im Sinne eines geistigen Vorhabens, kein Projekt oder Programm, es ist ein Plan im geometrischen Sinne, Schnitt, Überschneidung, Diagramm.“ Das ist, was Lessings Interesse gefunden haben muss: Die Eröffnung eines Feldes, auf dem alle Körper aufeinander einwirken, die Lehre von Affekten, das Beobachten der sie auslösenden Prozesse. Die Zeit als der entscheidende Faktor, die Geschwindigkeit der Reaktionen, das Vermögen, die Zeit voranzutreiben, sie anzuhalten. „Die Ethik Spinozas hat nichts mit einer Moral zu tun“, sagt Deleuze, „er begreift sie als Ethologie, das heißt als Zusammensetzung der Geschwindigkeiten, auf diesem Immanenzplan zu affizieren und affiziert zu werden. Deshalb stößt Spinoza wahre Schreie aus: Ihr wißt nicht, wozu ihr fähig seid, im Guten wie im Bösen, ihr wißt nicht im voraus, was ein Körper oder eine Seele in dieser Begegnung, in jener Verkettung, in jener Kombination vermag.“ (Gilles Deleuze, Spinoza und wir) Oder, mit den Worten Georges Batailles in seiner Schrift Henker und Opfer: „Wir können nicht menschlich sein, ohne in uns die Fähigkeit zum Schmerz, auch die zur Gemeinheit, wahrgenommen zu haben. Aber wir sind nicht nur die möglichen Opfer der Henker: Die Henker sind unseresgleichen. Wir sind nicht nur zum Schmerz, sondern auch zur Raserei des Folterns fähig.“



Spinozas republikanischer Kern, Leibnizens Hilfe beim Aufbau des absolutistischen preußischen Staates

Im November 1676 hatte Leibniz den von Krankheit gezeichneten Spinoza in Den Haag besucht. Ihn, den Johann Christian Sturm „das exotische Tier“ nannte: den die Synagoge in Amsterdam ausgestoßen hatte, den die Kirchen als Atheisten aus der Gesellschaft ausgrenzten, dessen Schritte bewacht wurden, und der doch aufgesucht, gebraucht wurde. Wer mit ihm verkehrte, wer sich auf ihn bezog, den traf der Verdacht des Atheismus. Den Besuch bei Spinoza verleugnete Leibniz später, die Spuren verwischte er, die Briefe ließ er verschwinden. Doch eine Notiz blieb im Nachlass erhalten. „Ich verbrachte nach dem Essen einige Stunden bei Spinoza. Er sagte, daß er am Tage der Ermordung der Brüder de Witt beabsichtigt hatte, nachts aus dem Haus zu gehen, um nahe der Mordstelle ein Papier anzunageln, auf das er: Ultimi barbarorum! geschrieben hatte. Aber sein Hausherr hatte ihn durch Schließung der Tür am Ausgehen verhindert, denn auch Spinoza hätte sich dem Tod durch Zerfleischung ausgesetzt.“ Das lag vier Jahre zurück: Der langfristig von Ludwig XIV. gegen die Niederlande vorbereitete Krieg hatte den Johan de Witt überrascht. Prinz Wilhelm III., der junge Oranier, wurde zum Oberbefehlshaber der Armee berufen. Auf Johan de Witt, der sich während seiner neunzehnjährigen Regierungszeit gegen die Wiedereinsetzung der Oranier als Statthalter gewehrt hatte, wurde ein Attentat verübt, sein Bruder wurde mit der Beschuldigung, er habe ein Attentat auf Wilhelm III. geplant, gefangen genommen. Als Johan de Witt, wieder genesen, seinen Bruder im Gefängnis besuchte, drang eine aufgehetzte Menge, ohne daran gehindert zu werden, in den Kerker ein, zerrte die Brüder auf die Straße und zerfleischte sie. Johan de Witt wurde das „verräterische Herz“ herausgerissen und der jubelnden Menge gezeigt. Die Reichen sahen sich das Schauspiel aus ihren Kutschen an. Spinozas verhinderte Aktion – in ihrer Unbedingtheit und Machtlosigkeit – berührte Leibniz. Spinoza las ihm aus dem Manuskript seiner Ethik vor. An deren Druck war nicht zu denken. Schon von Paris aus hatte sich Leibniz über Freunde bemüht, eine Abschrift zu erhalten. Spinoza starb am 21. Februar 1677, drei Monate nach Leibnizens Besuch. Die Ethik erschien noch in diesem Jahr in den von Spinoza vorbereiteten Opera Posthuma.

Für Friedrich Wilhelm schrieb Leibniz, der Jurist, damals das Gutachten De jure suprematus ac legationis. Nachdem es 1676 bei der Beschickung des Friedenskongresses in Nimwegen zu Schwierigkeiten gekommen war, brauchte der Kurfürst eine Rechtfertigung, um zwischen den Königen gleichberechtigt auftreten zu können. Für den danach betriebenen Umbau des Kurfürstentums Brandenburg in einen absolutistischen Staat erarbeitete Leibniz mit seiner Theorie von der Maison souveraine eine Legitimation, das Jus armorum et foederum bestätigend: daß der Fürst „die Freiheit behält nach Befinden seines Gewissens durch Waffen und Bündnisse das Gemeine Beste und seines Landes Wohlfahrt zu befördern, worin auch dann der rechte Charakter der Freiheit bestehet, der so wenig durch einen Huldigungs-, als Bündniseid aufgehoben wird.“ So in seinem Schreiben an den Gesandten Grote von 1682. Er unterstützte dann auch Friedrich Wilhelms Sohn in dessen Anspruch auf die Königskrone und begrüßte die Krönung am 18. Januar 1701 als „eine der wichtigsten Gegebenheiten der Menschheitsgeschichte“. Durch die Unterstützung von Sophie Charlotte, der aus dem Haus Hannover stammenden Kurfürstin, deren erster Gesprächspartner er war, hatte er ein Jahr zuvor seine Anerkennung erfahren mit der Gründung einer von ihm konzipierten Societät der Wissenschaften in Berlin. Er selbst ernannt zum Präsidenten auf Lebenszeit. Ein Vorzeigeobjekt für den Anspruch auf die Krone. Gleichwohl wurde die Societät, da der nunmehr Gekrönte nicht genügend Geld zur Verfügung stellen konnte, erst am 19. Januar 1711 eröffnet, ohne Leibniz.

Die Handlungen von Körper und Seele trennte Leibniz, setzte sie parallel: „In den Seelen vollzieht sich alles, als ob es keine Körper, in den Körpern, als ob es keine Seelen gäbe.“ Doch jede dieser beiden Substanzen stimmt, „indem sie nur ihren eigenen Gesetzen folgt, die sie gleichzeitig mit ihrem Dasein empfangen hat“, mit der anderen zusammen, „ganz als ob eine wechselseitige Einwirkung zwischen ihnen bestünde, oder als ob Gott neben seiner allgemeinen Mitwirkung auch immer noch im besonderen Hand dabei anlegte“.

So versicherte er die von Gott verfügte „prästabilierte Harmonie“. Er verwies entsprechend auf „eine zweite Harmonie zwischen dem physischen Reiche der Natur und dem moralischen Reiche der Gnade“: „zwischen Gott, dem Erbauer der Maschine des Universums, und Gott, dem Monarchen des göttlichen Staates der Geister“, der vernünftigen Seelen. Ein Gottesbeweis gegenüber Spinoza und eine Aufforderung an die Monarchen, Gerechtigkeit zu üben, Gnade zu gewähren. Ein beruhigter Raum, den er brauchte, um seinen Forschungen, die ihn in alle Wissensgebiete trieben, nachgehen zu können. Ein beruhigter Raum für die europäischen Staaten: in einer dem christlichen Glauben verantworteten Ordnung, der Herstellung einer Einheit, innerhalb derer „sich Könige und Fürsten ihrethalben vor öffentlichen Unordnungen scheuen mußten“, innerhalb derer die Eigenarten der einzelnen Länder und Gesellschaften sich austragen und entwickeln konnten. Im Schutz und zum Schutz dieser Prämissen konnte Leibniz wirken. Als Forscher, die Wahrheit Suchender war er, so mochte sich Lessing im Gespräch mit Friedrich Heinrich Jacobi 1780 vergewissern, „im Herzen selbst ein Spinozist“.

Den Rahmen, den Leibniz für die europäische Staatenwelt zu formulieren suchte, getragen von der Vorstellung, dass diese Welt die beste sei, damit sie die beste werde, hatte Friedrich II. mit seinen ersten Entscheidungen als König, mit der Freigabe der Religion, der Tolerierung jeder Religion statt der von Leibniz angestrebten Vereinigung der christlichen Kirchen, mit der Okkupation von Schlesien aufgekündigt. Der Krieger durchstieß den Kokon der prästabilierten Harmonie. Friedrich II. „mußte“ Leibniz „zergliedern“. So bezeugt es de Catt, den Friedrich II. zu dessen Prüfung und möglicher Verwendung sogleich über Leibniz und Christian Wolff befragt hatte.



Die Komposition der „Ethik“ als Eröffnung einer Dramaturgie

Spinoza begann den dritten Teil seiner Ethik, „Von dem Ursprung und der Natur der Affekte“, mit der Vorbemerkung: „Die meisten Menschen, welche über die Affekte und die Lebensweise der Menschen geschrieben haben, scheinen nicht von natürlichen Dingen zu handeln, die den allgemeinen Naturgesetzen folgen, sondern von solchen, die außerhalb der Natur stehen. Ja sie scheinen den Menschen wie einen Staat im Staate aufzufassen. Denn sie glauben, daß der Mensch die Natur mehr störe, als ihr folge, und daß er über seine Handlungen eine absolute Macht habe und von nirgend sonst her als von sich selbst bestimmt werde.“ Es war Friedrichs II. Haltung, der unter Freiheit „jeden Akt unseres Willens“ verstand, „der aus ihm heraus allein und ohne Zwang entschieden wird“. So in seiner Entgegnung auf Holbach, in der Kritischen Überprüfung des ‘Systems der Natur’ aus den siebziger Jahren. Spinoza fuhr fort: „Des weiteren schreiben sie den Grund der menschlichen Ohnmacht und Unbeständigkeit nicht der allgemeinen Naturkraft zu, sondern ich weiß nicht welchen Gebrechen der menschlichen Natur, die sie deshalb beweinen, belachen, verachten oder, was am häufigsten zu geschehen pflegt, verwünschen. Und wer die Ohnmacht des menschlichen Geistes recht beredt und scharf herunterzumachen versteht, der wird wie ein göttliches Wesen angesehen.“ Zu lesen gegen jede Form von Herrschaft, die über die Menschen verfügt, sie scheidet, Selektion praktiziert. Was für ihn frei handeln hieß, hatte Spinoza in einem Brief an Georg Hermann Schuller, den Arzt und Freund, im Herbst 1674 erläutert: „Ich nenne also ein Ding frei, wenn es nur aus der Notwendigkeit seiner Natur existiert und handelt; gezwungen aber, wenn es von einem andren Ding bestimmt wird, in einer gewissen bestimmen Weise zu existieren und zu handeln. Gott zum Beispiel existiert notwendig zwar und dennoch frei, weil er allein aus der Notwendigkeit seiner Natur existiert. So begreift Gott in freier Weise sich selbst und alle Dinge überhaupt, weil es allein aus der Notwendigkeit seiner Natur folgt, daß er alles begreift. Sie sehen also, daß ich die Freiheit nicht in den freien Willen, sondern in die freie Notwendigkeit setze.“ (58. Brief) Das war auch Lessings Haltung. „Ich begehre keinen freien Willen“, erklärte er Jacobi. Lessing und Spinoza waren eines Geistes. Was das für ihre Arbeit bedeutete, für ihren Anspruch, „die Freiheit, zu philosophieren und zu sagen, was man denkt“, hatte Spinoza an Oldenburg geschrieben, „diese Freiheit möchte ich mit allen Mitteln verteidigen, da sie hier bei übergroßem Ansehen und der Frechheit der Prediger auf alle mögliche Weise unterdrückt wird.“ (30. Brief) Für den Dichter Lessing bedeutete Spinozas Ethik eine Aufforderung, diesen „Immanenzplan zu affizieren und affiziert zu werden“, ihn in einem Schauspiel offen zu legen, damit die das Leben bestimmenden Dispositionen des Staates freizulegen und so einen Weg zu finden, um der Subordination einfordernden Herrschaft des preußischen Staates zu begegnen.

Spinozas Denken eröffnete Lessing das Theater, seine erste Liebe, neu als Operationsfeld. Das Kompositionsprinzip der Ethik, wie es Deleuze bei seiner Lektüre freilegte, korrespondiert mit künstlerischen Verfahren, signalisiert, warum Spinoza für die

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deutschen Schriftsteller so wichtig werden konnte: „Als ich über Spinoza arbeitete, schien mir die Ethik eine doppelte Komposition aufzuweisen. … die Ethik ist geometrisch komponiert, Definitionen, Postulate, Axiome, Propositionen, Demonstrationen, Korollarien und Scholien. Aber ich glaube, daß die Scholien etwas ganz besonderes sind: Es sind keine Ergänzungen der Theoreme und Demonstrationen, sondern eine andere Version des Ganzen. Die Scholien verweisen auf Scholien und bilden eine zweite Version der Ethik: Die Ethik wäre also zweimal gleichzeitig geschrieben worden, einmal in der kontinuierlichen Verkettung der Propositionen und Demonstrationen und einmal in der diskontinuierlichen oder vulkanischen Kette der Scholien. Die Ethik wäre also ein Buch, das zwei völlig verschiedene Lesegeschwindigkeiten enthielte, je nachdem, ob man der Verkettung der Propositionen oder der Kette der Scholien folgt. Und auch die Affekte sind in beiden Fällen völlig verschieden verteilt: Die Scholien handhaben viel leidenschaftlichere und sichtbarere Affekte! Das Problem, ‘wie die Ethik zu lesen sei’, bestünde also in jenen Geschwindigkeitsvariationen, jenen Affektverteilungen. Ein wenig wie in einem musikalischen Werk, wo dasselbe Thema verschiedene Geschwindigkeiten durchlaufen kann, mit verschiedenen Affektladungen.“ Der so beschriebene Immanenzplan, der der Ethik zugrunde liegt – er ist die den Kunstwerken innewohnende Partitur: Die Scholien schaffen die Gegensteuerung zu den Veranlassungen, deren Überprüfung in Gegenbildern.

Ewald von Kleists Rückkehr auf der Bühne als Tellheim. Minna von Barnhelm

Lessing begann Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück in Breslau zu schreiben – nach dem Frieden von Hubertusburg im Februar 1763, nachdem er im Sommer Tauentzien nach Potsdam begleitet hatte, wieder in Berlin gewesen, doch darauf mit ihm, der nun zum Gouverneur Schlesiens ernannt worden war, im September erneut nach Breslau zurückgekehrt war – in den Frühlingstagen 1764, draußen im Göldnerischen Garten unter den Gästen. Dort konnte er die Argumente hören, seine eigenen Sätze abhören. Die Haltungen, er hatte sie studiert. Er selbst noch beschäftigt, so in seinem Brief an den Vater vom 13. Juni 1764, „mich aus allen Rechungen und Verwirrungen, in die ich verwickelt gewesen, herauszusetzen“. (An Johann Gottfried Lessing, 13. Juni 1764) Und die Zukunft offen. Das Stück ist geerdet,. Seine Handlung ist datiert, es beginnt am 23. August 1763.

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Was er kurz nach Ausbruch des Siebenjährigen Krieges in einem Brief an Nicolai vom November 1756 als Aufgabe der Tragödie bezeichnet hatte: „unsere Fähigkeit, Mitleid zu fühlen“, zu erweitern – aus der Überzeugung: „Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste“ –, realisierte er aus der Erfahrung des Krieges in einer Komödie über die Kraft der Liebe: in Minnas Entschiedenheit für den Major von Tellheim. In Tellheim spiegelte er Ewald von Kleist, den „besten Mann“; er spiegelte ihn in den Tellheim, der Minna erklärt: Er sei „der verabschiedete, der an seiner Ehre gekränkte, der Krüppel, der Bettler“. Minna hält dagegen: „Ich bin Ihre Gebieterin, Tellheim; Sie brauchen weiter keinen Herrn.“ Er, ein Balte in preußischen Diensten, hatte Ordre, in den Ämtern des besetzten Sachsen die „Kontribution mit der äußersten Strenge bar beizutreiben“: „Ich wollte mir diese Strenge ersparen und schoß die fehlende Summe selbst vor.“ So erklärt er Minna, was ihm widerfahren war. „Die Stände gaben mir ihren Wechsel, und diesen wollte ich bei Zeichnung des Friedens unter die zu ratihabierenden Schulden eintragen lassen. Der Wechsel ward für gültig erkannt, aber mir ward das Eigentum desselben streitig gemacht. Man zog spöttisch das Maul, als ich versicherte, die Valute bar hergegeben zu haben. Man erklärte ihn für eine Bestechung, für das Gratial der Stände, weil ich so bald mit ihnen auf die niedrigste Summe einig geworden war, mit der ich mich nur im äußersten Notfall zu begnügen Vollmacht hatte. So kam der Wechsel aus meinen Händen, und wenn er bezahlt wird, wird er sicherlich nicht an mich bezahlt. – Hierdurch, mein Fräulein, halte ich meine Ehre für gekränkt; nicht durch den Abschied, den ich gefordert haben würde, wenn ich ihn nicht bekommen hätte.“ Minna führt ihn, holt ihn, dem Recht und Geld genommen sind, heraus aus diesem sich selbst zerstörenden Insistieren auf der Ehre, in das ihn die preußische Verwaltungsmaschine geworfen hat; aus seinem ohnmächtigen Ausgeliefertsein – bis er ihr gestehen kann: „Die Dienste der Großen sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie kosten.“ Ein Satz, den zu streichen der preußische Staat beim Hamburger Senat für die Uraufführung des Stückes zur Auflage gemacht hatte.
Der Auftritt Tellheims war eine Rückkehr des Ewald von Kleist, des Sängers des Frühlings:
Mit leichten Läuften streicht jetzt ein Heer gefleckter Hindinnen,

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Und Hirsche, mit Ästen gekrönt, durch grüne, rauschende Büsche … (Ewald von Kleist, Der Frühling)
Dieses Gedicht kannte jeder, auch Friedrich II. Als der Freund, Rittmeister Adler, während eines Gefechts im Zweiten Schlesischen Krieg 1745 von „Ulanen erstochen“ worden war, hatte Ewald von Kleist einen Nekrolog auf ihn geschrieben: An Herrn Rittmeister Adler. Vorangestellt ein Zitat von Jean-Baptiste Gresset: „Une étérnité de gloire / Vaut-elle un jour de bonheur?“ – eine Frage an Friedrich II., die direkt ins Zentrum trifft –, und dann den Frühling aufgerufen:

Die Stürme wüten nicht mehr, man sieht die Zacken der Tannen Nicht mehr durch gläsernen Reif, man sieht im eislosen Bach Am Grunde Muscheln und Gras und junge wankende Blumen; Ein dunkles schwebendes Laub erfüllt den Buchwald mit Nacht. (…)

Freund! flieh der Waffen Geräusch, itzt ist die Zeit des Vergnügens, Fühl itzt in Wäldern die Lust, die Held und Höfling nicht kennt. Was hilfts, mit freudigem Blick, vom Dienst der Ehre betrunken, Mit Ordensketten beschwert, gekrönte Henker zu scheun?
(…)

Achill und Hannibal muß die Nacht des Todes durchschlafen, Die, nach der Schickung Gesetz, mich einst in Finsterniß hüllt. Im Tode werd ich ihm gleich, im Leben bin ich beglückter.
(…)

Die kleine Phyllis im Hain verbirgt sich, wenn sie mich merkt, Ich such und finde sie nicht; bis sie im dicken Gesträuche,
Wo Phöbus selbst sie nicht sieht, ein schalkhaft Lächeln verräth. (Ewald von Kleist, An Herrn Rittmeister Adler)
Bilder leuchten in den Versen auf, die Werke nachfolgender Dichter prägen werden, versteckt noch wie Phyllis. Gefunden von Kleist, dem Major im Regiment Prinz Heinrich, der, zu einsamen Spaziergängen aufbrechend, von seinen Kameraden befragt, erklärte: „er sei dabei nicht müßig, er gehe auf Bilderjagd“. So von Goethe, dem anderen Sammler, im siebenten Buch von Dichtung und Wahrheit überliefert. Das Gedicht ist in

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der Klage um den Tod des Freundes ein orphischer Gesang. Es versichert sich des Freundes in der Wiederkehr des Frühlings. Es ist das Gegenbild zu Poussins Reich der Flora, wo das Überleben der Todgeweihten im Ruhm gefeiert wird, als Opfer der Götter und Opfer an die Götter: Sie markieren in ihrem Aufblühen durch den Gesang der Dichter, durch die Bilder der Maler kanonisierte Stationen für die anderen auf deren Weg ins Totenreich. Ewald von Kleists Gedicht aber führt den Freund zurück in das Leben als Übergabe an die Freunde, an die anderen, die sich seiner, seines Einsatzes, für ihr Leben versichern können.

Diesen Sänger des Frühlings, Ewald von Kleist, rief Lessing in Tellheims Gestalt auf die Bühne, in der Bedrängnis, in die ihn seine Nähe, seine Treue, sein Verfangensein geführt hatten, ausgeliefert der preußischen Militärmaschine. Dass er es ist, Ewald von Kleist, wurde von den Zeitgenossen sofort erkannt. Gewürdigt in der Vossischen Zeitung vom 14. Mai 1767 als „ein sehr schönes Denkmal der letzten vertrauten Freundschaft des Herrn Lessing mit diesem heldenmütigen und menschenfreundlichen Dichter“. Das Lustspiel ist wie der Nekrolog An Rittmeister Adler ein Lied von der Liebe: Minnas Gang zu Tellheim. Ein Gang, den Jahrzehnte später Beethovens Leonore zu Florestan führte, hinab in den Kerker, um ihn zu befreien – konzipiert aus dem Geist der Französischen Revolution und komponiert gegen Napoleon.

Der Meteor der deutschen Literatur

Lessing hatte sich durch Übersetzungen an Goldoni geschult. „Eine von diesen Komödien l’Erede fortunata habe ich mir zugeeignet“, gestand er Moses Mendelssohn, „indem ich ein Stück nach meiner Art daraus gefertigt.“ (8. Dezember 1755) Goldoni, der Rechtsanwalt, der die Nöte seiner Klienten vor Gericht durchzufechten hatte, schrieb seine Komödien gegen die Lähmung der venezianischen Gesellschaft durch den Überwachungsapparat der Serenissima – Feuerwerkskörper, geworfen in das Dickicht wuchernder Bespitzelung.
In der Entfaltung der Komödie blieb Lessing selbst gegenwärtig als der Forscher, der Beobachter, der wissen will, warum was geschieht, der jedem Argument nachgehen, es hören, sich selbst darin verständigen will. Was Lessing als Polemiker und Kritiker geübt

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hatte: Jetzt redeten die Figuren und behaupteten sich gegenseitig. Woran sich Lessing entzündet hatte: die Erfahrungen mit der Kriegskasse, die Bedrohungen und Entehrungen durch die preußische Militärverwaltung, die Enteignung und Entwürdigung des Lebens – seine Betroffenheit und sein Zorn kehren in den Text ein, skandieren ihn, schaffen den Rhythmus, der die Szenen treibt und anhält. Blitze und Verschattungen bezeugen, wer hier und wie er die Menschen konditioniert.

Friedrich II. wurde den Dichtern gegenüber, die er während des Siebenjährigen Krieges immerhin noch aufgesucht hatte – Gottsched 1757 und Gellert 1761 in Leipzig –, seit Lessings Minna von Barnhelm sprachlos. Er ließ seinen Apparat agieren. Die Uraufführung von Minna von Barnhelm war für Ende September 1767 in Hamburg angekündigt: an dem gerade gegründeten Nationaltheater, dessen Leitung sich auf Lessings Mitarbeit stützen wollte und sich mit ihm auf seine Funktion als „Rechtskonsulent und Dramaturg“ einigte, auf die öffentliche Rolle des Beobachters, des aufzeichnenden Ratgebers, die Theaterleute und das Publikum gleichermaßen im Blick. Anfang August wurde die Aufführung von Minna von Barnhelm auf Ansuchen des preußischen Ministerresidenten, Johann Julius von Hecht, verboten: „mit Befehl dazu von Berlin“, erhielt Lessing als Auskunft. (An Friedrich Nicolai, 4. August 1767) Und: Es „könne der hiesige Magistrat zwar tun, was er wolle, jedoch auf seine Gefahr“. (An Karl Lessing, 21. September 1767) Lessing hatte es erwartet. Um doch noch eine Zustimmung für die Uraufführung in Hamburg zu erwirken, suchte von Hecht mehrfach beim Kabinettsminister Graf Finck von Finckenstein nach, Friedrichs II. Ratgeber. Am 21. September kam aus Berlin die Freigabe – mit der Auflage von Strichen. Am 23. September erlaubte der Hamburger Senat die Uraufführung, am 30. September fand sie statt: „sehr gut besetzt“, „mit verdientem Beifalle“. (Hamburgische Neue Zeitung, 2. Oktober 1767) Nach Leipzig und Wien im November folgten im März Aufführungen in Berlin. Stühle für die Zuschauer mußten noch rechts und links auf die Bühne gestellt werden. Anna Luise Karsch schrieb an Gleim nach der achten Aufführung: Vor Lessing „hats noch keinem Schauspieldichter gelungen, daß er dem Edlen und dem Volk, den Gelehrten und den Laien zugleich eine Art von Begeisterung einflößt und so durchgängig gefallen hätte“. (An Gleim, 29. März 1768) Prinz Heinrich, der Bruder Friedrichs II., erschien zur zehnten und letzten Vorstellung, bei der es Brauch war, die Schauspieler zu weiteren Vorstellungen aufzufordern. Die Anwesenheit des Bruders des Königs – mag er aus Neugier gekommen sein, um Ewald von Kleist, den gefallenen Major seines

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Regiments, in der Gestalt des Tellheim zu sehen, oder auf Wunsch des Bruders, in jedem Fall war es Berechnung –: Sie verhinderte, dass das Publikum zur Fortsetzung der Vorstellungen aufrief.

Über sechs Jahrzehnte später bezeugte Goethe Johann Peter Eckermann, der Minna von Barnhelm gerade gelesen hatte, welche Wirkung das Stück damals „in jener dunkelen Zeit“ auf ihn, den Achtzehnjährigen, gemacht hatte: „Es war wirklich ein glänzendes Meteor.“ „Es machte uns aufmerksam, daß noch etwas Höheres existiere, als wovon die damalige schwache literarische Epoche einen Begriff hatte.“ Er, der Patriziersohn aus Frankfurt am Main, zum Studium nach Leipzig gekommen, hatte die Aufführung dort im November gesehen und bei zwei Liebhaberaufführungen den kriegsfreudigen Wachtmeister Werner gespielt, während seine Kommilitonen ihm seine Begeisterung für Friedrich II. auszutreiben suchten. Er konnte seine eigene Sprache daran üben, den Bau des Stücks erfahren. „Die beiden ersten Akte sind wirklich ein Meisterstück von Exposition, wovon man viel lernte und wovon man noch immer lernen kann.“ (27. März 1831)

Gott als der erste Bildner, sein Archetyp im König geformt – Prometheus als zweiter Schöpfer, der Dichter
„Auf der Erde bei uns ist der Mensch das edelste Wesen, aber der König ist göttlicher, denn er hat bei gleicher Natur mehr Anteil am Göttlichen; zwar ist sein Leib den anderen ähnlich, da er aus derselben Materie entstanden ist, aber er ist von dem besten Künstler geschaffen, der ihn kunstvoll gebildet hat, indem er sich selbst dabei zum Vorbild nahm.“ Dieser Satz findet sich in einem Text Über das Königtum von Ekphantos. Ein Pythagoreer dieses Namens hatte um 400 v. Chr. in Kroton gelebt. Doch der Text ist pseudonym, er stammt aus hellenistischer oder erst aus der Kaiserzeit. Zu Beginn des 5. nachchristlichen Jahrhunderts nahm Johannes Stobaios Auszüge aus diesem Text in sein Anthologion auf. Für seinen Sohn hatte er Werke von etwa 500 griechischen Autoren exzerpiert, dabei die christlichen Texte weggelassen. Die editio princeps des nicht vollständig erhaltenen Anthologion erschien 1535 in Venedig; Übersetzungen folgten. Zu Ende des 16. Jahrhunderts nutzten die Wegbereiter des Absolutismus die Herleitung von Ekphantos.

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Nach der Vorstellung der Pythagoreer war es die Aufgabe der Seele, die in einen irdischen Körper gefallen war, sich wieder aus dieser Welt zu lösen und ins Jenseits zurückzukehren. „Während der platonische Weg des Aufstiegs zu Gott über den Eros führt, predigt Ekphantos den Weg über den König“, erläutert Reinhold Merkelbach in seiner Edition von 1974 und verweist auf den ägyptischen Grund der Schrift: „Der Grieche Eros heißt bei den Ägyptern Horos, und Horos ist der jeweils lebende König. Der Seelenaufstieg muß also durch den König gehen. In Ägypten war der König der auf Erden erschienene Gott, έπιφανής θεός.“ Der König wirkt als Vorbild auf die Menschen ein, da er selbst „von dem besten Künstler geschaffen“ wurde, „der ihn kunstvoll gebildet hat, indem er sich selbst dabei zum Vorbild nahm“. Im Griechischen steht αρχέτυπον: „Urbild“, „Modell“, „(Töpfer-)Form“. Der Mensch kann im König wie in einem Spiegel Gott betrachten, der strahlend, nicht zu ertragen, blendet. Den Weg der Reinigung findet der Mensch, wenn es ihm gelingt, dem König ähnlich zu werden und somit Gott.

Ein Text, geschrieben zuallererst als Ermahnung an den König, durch sein Vorbild den Frieden herzustellen, den die Gesellschaft zu ihrer Entfaltung braucht: „Man muß aber dafür sorgen, daß das vollste Wohlwollen herrscht erstens beim König gegen die Beherrschten – wie das eines Vaters gegen den Sohn, eines Hirten gegen die Herde, des Gesetzes gegen die Bürger – und zweitens dieser gegen den König.“ In seiner Grundhaltung entspricht der Text den Intentionen von Leibniz.

Dem Bild Gottes als des „besten Künstlers“, des „wirklichen Baumeisters“, setzte Anthony Shaftesbury den Dichter entgegen, „der als ein wirklicher Baumeister in seiner Art sowohl Menschen als auch Sitten schildern und einer Handlung ihren wahren Körper, ihre richtigen Proportionen geben kann“, und führte im dritten Band seiner Characteristics in einem „Selbstgespräch oder Ratschlag an einen Schriftsteller“ aus: „Ein solcher Dichter ist in der Tat ein zweiter Schöpfer; ein wahrer Prometheus unter Jupiter. Wie jener allerhöchste Werkmeister oder jene allgemein bildende Natur schafft er ein Ganzes, stimmig und wohlausgewogen in sich selbst, in allen Bestandteilen gehörig an- und zugeordnet. Er bezeichnet die Grenzen der Leidenschaften und kennt ihre genauen Tönungen und Maße; weshalb er sie richtig darstellt, das Erhabene der Gesinnungen und Handlungen herausstellt, das Schöne vom Häßlichen, das Liebenswürdige vom Hassenswerten unterscheidet. Der sittliche Künstler, der so den

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Schöpfer nachahmen kann und so mit der inneren Gestalt und dem inneren Gefüge seiner Mitgeschöpfe vertraut ist, wird schwerlich, wie ich vermute, ohne Selbstkenntnis und unbekannt mit jenen Wohlklängen sein, welche die Harmonie der Seele ausmachen.“ Veröffentlicht 1711, ein Jahr vor der Geburt Friedrichs II. Gott und Natur sind hier, Spinoza folgend, ein Gleiches. Durch sein Vermögen der Mimesis gelingt es dem Künstler, ein Vorbild, ein der Natur gleiches Bild zu schaffen, das auf die Gesellschaft einwirkt und sie formt. Der Dichter tritt an die Stelle des Königs. Goethe fand bei Shaftesbury eine Vorstellung von seiner Aufgabe, die ihn aus der Konfrontation mit dem Sturm und Drang, aus der Bewegung, die seine Generation in ihrer Selbstbehauptung gegenüber den Fürsten ergriffen hatte, hinausführte.

Am Anfang stand, gesteht Goethe, die Lektüre von Spinozas Ethik. „Was ich mir aus dem Werke mag herausgelesen, was ich in dasselbe mag hineingelesen haben, davon wüßte ich keine Rechenschaft zu geben, genug ich fand hier eine Beruhigung meiner Leidenschaften, es schien sich mir eine große und freie Aussicht über die sinnliche sittliche Welt aufzuthun. Was mich aber besonders an ihn fesselte“, bekennt Goethe im 14. Buch von Dichtung und Wahrheit, „war die gränzenlose Uneigennützigkeit, die aus jedem Satz hervorleuchtete. Jenes wunderliche Wort: Wer Gott recht liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn wieder liebe, mit allen den Vordersätzen, worauf es ruht, mit all den Folgen, die daraus entspringen, erfüllte mein ganzes Nachdenken. Uneigennützig zu sein in allem, am uneigennützigsten in Liebe und Freundschaft, war meine höchste Lust, meine Maxime, meine Ausübung, so daß jenes freche spätere Wort: Wenn ich dich liebe, was geht’s dich an? mir recht aus dem Herzen gesprochen ist.“ Hier ist die Uneigennützigkeit ins Gegenteil umgeschlagen. „Übrigens möge auch hier nicht verkannt werden, daß eigentlich die innigsten Verbindungen nur aus dem Entgegengesetzten folgen. Die alles ausgleichende Ruhe Spinoza’s contrastierte mit meinem alles aufregenden Streben, seine mathematische Methode war das Widerspiel meiner poetischen Sinnes- und Darstellungsweise, und eben jene geregelte Behandlungsart, die man sittlichen Gegenständen nicht angemessen finden wollte, machte mich zu seinem leidenschaftlichen Schüler, zu seinem entschiedensten Verehrer.“ Als sich Goethe „nach Bestätigung der Selbständigkeit umsah“ und er „als die sicherste Base derselben“ sein „produktives Talent“ fand, „seine Naturgabe“, stellte sich bei ihm, berichtet er im 15. Buch von Dichtung und Wahrheit, „die alte mythologische Figur des Prometheus“ ein, „der abgesondert von den Göttern, von seiner Werkstätte aus eine Welt

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bevölkerte“. „Die Fabel des Prometheus ward in mir lebendig. Das alte Titanengewand schnitt ich mir nach meinem Wuchse zu, und fing, ohne weiter nachgedacht zu haben, ein Stück zu schreiben an, worin das Mißverhältnis dargestellt ist, in welches Prometheus zu dem Zeus und den neuen Göttern geräth, indem er auf eigne Hand Menschen bildet, sie durch Gunst der Minerva belebt, und eine dritte Dynastie stiftet. Und wirklich hatten die jetzt regierenden Götter sich zu beschweren völlig Ursache, weil man sie als unrechtmäßig zwischen den Titanen und Menschen eingeschobene Wesen betrachten konnte.“ Er konzipierte ein Schauspiel, schrieb zwei Akte, setzte an die Stelle des dritten ein Gedicht – 1773; doch veröffentlichte er das Fragment erst 1830.

Prometheus ist hier der Sohn des Zeus, also nicht des Iapetos; er ist kein Titan, der sein Geschlecht verrät, indem er Partei für Zeus ergreift. Er selbst ist dem Übermut der Titanen ausgesetzt. Der Sohn des Zeus und – darin gleicht er Christus – sterblich. Doch kennt er kein Ende: „Zu enden hab’ ich keinen Beruf, / Und seh’ das Ende nicht. / So bin ich ewig, denn ich bin!“ Durch sein Wirken schafft er sich seine eigene Unsterblichkeit. Die Götter wiederum sind gezeichnet als die „regierenden“ Fürsten, ihrem Geist nach „Vasallen“. In der antiken Mythologie gab Athene den Geschöpfen des Prometheus den Lebensatem. Hier ist sie, Minerva, nun die Schwester. Sie kommt im Auftrag des Vaters in die Werkstatt des Bruders, um den Statuen „das Leben zu ertheilen“ – unter der Voraussetzung, dass Prometheus sich dem Vater unterstelle, dessen Macht anerkenne, sie mit ihm teile. Sie gesteht dem Bruder, dass sie den Vater ehrt, ihn aber, den Bruder, liebt. Der Bruder vereinnahmt die Schwester als seine Muse: „Und du bist meinem Geist, / Was er sich selbst ist.“ Dem Vater aber wird er nicht folgen. Lieber will er die Statuen „von ihrer Leblosigkeit“ gebunden lassen: „Sie sind doch frei / Und ich fühl’ ihre Freiheit!“ Minerva jubelt: „Und sie sollen leben! / Dem Schicksal ist es, nicht den Göttern, / Zu schenken das Leben und zu nehmen; / Komm, ich leitete dich zum Quell des Lebens all, / Den Jupiter uns nicht verschließt: / Sie sollen leben und durch dich!“

In der Absage des Prometheus an den Vater bleibt als Struktur, als ein Gleiches, die Absage des Kronprinzen Friedrich an seinen Vater erkennbar. Nach seiner Verbannung in Küstrin: sein Leben in Schloss Rheinsberg, sein Studium dort der Dichtung und der Philosophie, um sich zu schulen, sein Volk zu formen. Mit einer Schwester im Austausch, der er alles anvertrauen konnte, sie sein Gedanke. In dem Bild des Dichters als des zweiten Schöpfers, darin seine Verpflichtung, lebte das Bild des Herrschers, ihn an seine

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Aufgabe mahnend. In Friedrich II. war beides im Wettstreit: das von Shaftesbury entworfene Bild des Dichters und das tradierte Bild des Königs als des Archetypen des obersten Schöpfers. Der Absolutismus Friedrichs II. nährte sich zuallererst aus dem von ihm erhofften, vom Vater verbotenen, seinem gebrochenen Künstlertum. In dem Bild des Dichters als Prometheus, das Goethe sich schrieb, blieb das Gegenbild des Herrschers erhalten. Goethe verfügte über seine Gestalten und übte sich in der Verfügung über die Menschen – durch seine Kraft als Dichter, später dann durch seine Macht als Minister.

Goethe: die Wirklichkeit in Poesie verwandelt

Der Siebenjährige Krieg, mit dem Friedrich II. seine Forderung, Preußen als europäische Macht anzuerkennen, durchgesetzt hatte, hatte Brandenburg, Sachsen und Schlesien verwüstet. Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges waren wieder aufgerufen. Friedrich II. suchte zu ordnen, was er durch den Krieg, gerade auch die Münzverschlechterung, verursacht hatte, indem er innenpolitisch das Werk seines Vaters mit großem Arbeitseifer fortsetzte, ohne sich auf die Anforderungen der sich herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft einzulassen. Mit dem Krieg, mit der tiefen Erschöpfung, die die sieben Jahre bei den Großmächten hervorrufen hatte, hatte Friedrich II. sich die Basis geschaffen, um das „Preußen königlichen Anteils“, wie er es nannte, ohne Krieg einzubringen. In der Frage der polnischen Thronfolge gelang es ihm, die Interessen der Großmächte Russland und Österreich, geradezu gegen deren eigenen Willen, so zu steuern, dass Preußen, Russland und Österreich mit dem Vertrag von Sankt Petersburg neun Jahre später, im August 1772, sich ein Drittel von Polen untereinander aufteilten. „Die Teilung Polens wird die drei Religionen, die griechische, katholische und protestantische, vereinigen“, erklärte Friedrich II., „denn wir werden alle von dem gleichen eucharistischen Leibe Polens kommunizieren, und wenn es auch nicht unseren Seelen zum Heile gereicht, so wird es doch sicherlich unseren Staaten zum größten Wohle dienen.“ Preußen erhielt den größten Teil Westpreußens, ohne Danzig und Thorn, erhielt dazu das Ermland und den Netzedistrikt. Damit hatte Friedrich II. die eine Hälfte seines Jugendtraumes eingebracht: den vollständig angeschlossenen Flügel im Osten – ein Raum von Berlin bis Tilsit. Die Marienburg des Deutschen Ordens bestimmte er zum Gefängnis.
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Goethe fand die Sprache für eine bürgerliche Gesellschaft, die nach dem Krieg in den Städten ihre eigene Kultur zu entfalten begann. Gleichwohl wählte er den Fürstenhof in Weimar, kehrte kaum nach Frankfurt zurück, besuchte einmal Berlin. Er schuf sich selbst – mit „seinem Genie, worauf er so pocht“ (Lessing an Karl Lessing, 11. November 1774) – als den Dichter, der der Nation die Sprache gibt, sie formt, in seinem Werk eint. Lessings Sprache, ihren herausfordernden Einsatz, vertrug er nicht.

Als Goethe Die Leiden des jungen Werther in vier Wochen Klausur geschrieben hatte, wirkte das Buch für ihn als „Generalbeichte“: „aus einem stürmischen Elemente gerettet, auf dem ich durch eigene und fremde Schuld, durch zufällige und gewählte Lebensweise, durch Vorsatz und Übereilung, durch Hartnäckigkeit und Nachgeben, auf die gewaltsamste Art hin und wider getrieben worden“ war, so im 13. Buch von Dichtung und Wahrheit. „Wie ich mich nun aber dadurch erleichtert und aufgeklärt fühlte, die Wirklichkeit in Poesie verwandelt zu haben, so verwirrten sich meine Freunde daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in Wirklichkeit verwandeln, einen solchen Roman nachspielen und sich allenfalls selbst erschießen.“ Der Verantwortung hatte sich Goethe um der Wirkung willen versagt. Der Werther war durch den Selbstmord des fünfundzwanzigjährigen Karl Wilhelm Jerusalem, Sohn des Abts Jerusalem, Hofdiakon in Braunschweig, ausgelöst worden. Der junge Jerusalem hatte Goethe in Leipzig als Kommilitonen kennen gelernt, ein „Geck“ schien er ihm. Ein paar Jahre später, als Assessor bei der Justizkanzlei in Wolfenbüttel beschäftigt, begegnete er Lessing und schenkte ihm seine Freundschaft. Lessing bekundete es in der Vorrede zu seiner Herausgabe von dessen Philosophischen Aufsätzen, 1776, und versicherte, „daß diesen Kopf eben so wenig Licht ohne Wärme, als Wärme ohne Licht befriedigten“. Lessing bekam den Werther von Johann Joachim Eschenburg zugesandt und schrieb ihm am 26. Oktober 1774: „Wenn aber ein so warmes Produkt nicht mehr Unheil als Gutes stiften soll: meinen Sie nicht, daß es noch eine kleine kalte Schlußrede haben müßte? Ein paar Winke hintenher, wie Werther zu einem so abenteuerlichen Charakter gekommen; wie ein andrer Jüngling, dem die Natur eine ähnliche Anlage gegeben, sich dafür zu bewahren habe. Denn ein solcher dürfte die poetische Schönheit leicht für die moralische nehmen, und glauben, daß der gut gewesen sein müsse, der unsere Teilnahme so stark beschäftigt. Und das war er doch wahrlich nicht; ja, wenn unsers J[erusalem]s Geist völlig in dieser Lage gewesen wäre, so müßte ich ihn fast – verachten.“ Und direkt zur Übermittlung an Goethe hinzugesetzt: „Also, lieber Goethe, noch ein Kapitelchen zum

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Schlusse; und je zynischer je besser!“ Ein Hilferuf. Zynisch, das Kapitel nicht zu schreiben. Goethe blieb es gegenüber der ungezählten Schar junger Männer, die Werthers Gang in den Tod folgten.

Die Doppelgestalt, die Friedrich II. lebte, in der er sich trainierte, kehrte wieder in dem von Goethe Faust zugesprochenen Bekenntnis der zwei Seelen in einer Brust. Die Doppelgestalt – als Gespräch mit sich selbst, sich selbst inszenierend, die anderen arrangierend.

Als Jacobi bei einem Besuch im Juli 1780 Lessing mit einer Abschrift des noch unbekannten Prometheus-Gedichtes von Goethe konfrontierte, dieser darin Spinoza erkannte und sich selbst zu Spinoza mit aller Ausdrücklichkeit bekannte, entspann sich ein Dialog, den Jacobi, der Spinoza studiert hatte, um ihn zu widerlegen, um den Pantheismus zu bekämpfen, nach Lessings Tod Moses Mendelssohn zuschickte. Dieser fühlte sich, heftig erregt, aufgerufen – das war von Jacobi kalkuliert –, Lessing, den er kannte wie keiner, gegen den Vorwurf des Atheismus zu verteidigen. Jacobi publizierte die Auseinandersetzungen 1785 in dem Buch Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn. Er legte das Prometheus-Gedicht – ein unberechtigter Erstdruck – als ein loses Blatt bei, da er Angst hatte, das Buch könnte wegen des Gedichtes konfisziert werden. Was er bannen wollte, den Pantheismus – er warb dafür: Spinozas Philosophie eröffnete er den deutschen Dichtern. Und mit ihr auch Giordano Bruno. Auszüge aus Spinozas und Giordano Brunos Werken fügte er der zweiten und dritten Auflage bei. Sie wurden studiert. Die Dichter, die Lessing folgten, die Goethe begleiteten, gewannen Spinoza, jeder auf seine Weise, für sich. Die Frage war letztlich, ob sie Lessing folgten oder Goethe: Der Glutkern, der Spinozas Ethik bestimmt – das herausgerissene Herz des Johan de Witt, Spinozas Einsatz für die republikanische Verfassung – arbeitete in Lessings Werken; er war aufgelöst in der Entgegensetzung von Schicksal und Natur bei Goethe.

In der Gestalt des Nathan die Begegnung von Lessing und Moses Mendelssohn

Lessings eigene Stimme auf der Bühne, sein Herzschlag – er war zu hören in Nathan der Weise. Lessing hatte eine Erzählung aus Boccaccios Decamerone zur Vorlage genommen: „Der Jude Melchisedech entgeht durch eine Erzählung von drei Ringen einer großen

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Gefahr, die ihm Saladin bereitet hatte.“ Saladin weiß wohl, Melchisedech würde ihm nicht freiwillig Geld leihen – „und Gewalt wollte er nicht anwenden. Da jedoch die Not drängte, besann er sich hin und her auf ein Mittel, daß der Jude ihm aushelfen müsse, und entschloß sich, ihm unter einem scheinbaren Vorwande Gewalt anzutun.“ (Decamerone, Erster Tag, dritte Erzählung) So fragt er ihn nach den drei Religionen. Melchisedech, zur Antwort genötigt; wissend, es geht um Leben und Tod, jedenfalls um seinen Besitz, erfindet während des Redens die Geschichte von drei Ringen. „Er hatte auch niemals um der Religion willen jemand verfolgt“, so würdigte Voltaire Saladin in seiner dann auch von Lessing übersetzten Geschichte der Kreuzzüge, „er war zugleich ein Bezwinger, ein Mensch und ein Philosoph.“ Voltaire redete von Saladin, als rede er von Friedrich II. – eine Variante der sonst unter ihnen beiden gebräuchlichen Identifizierung Friedrichs II. mit Salomon. Die Briefe aber, die Tauentzien im Auftrag Friedrichs II. an die Münzjuden diktiert oder veranlasst hatte, waren von dem Sekretär Lessing geschrieben worden. Lessing kannte die Stimme der Macht, ihren Zugriff, ihre Scheinheiligkeit. Er suchte den Herzton der Selbstbehauptung. Prosaisch nüchtern, doch eben nicht in Prosa, sondern durch ein Versmaß treibend, überlegt die Erregungen führend, einsetzend. So gewann er Shakespeares fünfhebigen Blankvers für die deutsche Dichtung. Er schrieb an den Bruder von „seinem dramatischen Absprung“, schrieb an Karl Wilhelm Ramler, daß „der Vers immer einen Absprung eher“ erlaube, „wie ich ihn itzt zu meiner anderweitigen Absicht bei aller Gelegenheit ergreifen muß“. (18. Dezember 1778) In seiner Auseinandersetzung mit den protestantischen Theologen. Gleim schrieb: „… der Nathan, den er malt, der ist er selbst gewesen“. Und doch war Nathan auch ein Bild des Freundes Moses Mendelssohn: die Gestalt, der eine wie der andere, ihre Begegnung, der eine im anderen, ein Zeugnis ihrer gemeinsamen Intention, ihres Vermögens, Öffentlichkeit zu schaffen gegenüber dem Staat Friedrichs II., die Religion zu transformieren in einen Raum der Freiheit, herausgelöst aus der Indoktrination der Geistlichen, behauptet gegenüber dem Zynismus, mit dem Friedrich II. jede Religion betrachtete.

Die Religion als Raum gegenseitiger Achtung in dem Selbstverständnis jedes einzelnen: Darum beharrte Mendelssohn auf seinem jüdischen Glauben. Nicht verstanden als Abgrenzung, sondern als Notwendigkeit, sich den Exerzitien, den Riten zu unterziehen, als Übung, Prüfung und Reinigung.

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Lessings Intention war eine andere. „Nathans Gesinnung gegen alle positive Religion“, bekannte er im Entwurf einer Vorrede zu Nathan, „ist von jeher die meinige gewesen.“ Wohl aus der Zeit, als er in Breslau Spinoza studiert hatte – jedenfalls ist die Entgegensetzung Spinoza/Leibniz erkennbar –, stammt das Fragment Über die Entstehung der geoffenbarten Religion, das Lessing eröffnet: „Einen Gott erkennen, sich die würdigsten Begriffe von ihm zu machen suchen, auf diese würdigsten Begriffe bei allen unsern Handlungen und Gedanken Rücksicht nehmen: ist der vollständigste Inbegriff aller natürlichen Religion. Zu dieser natürlichen Religion ist ein jeder Mensch, nach dem Maße seiner Kräfte, aufgelegt und verbunden. Da aber dieses Maß bei jedem Menschen verschieden, und sonach auch eines jeden Menschen natürliche Religion verschieden sein würde: … mußte man sich über gewisse Dinge und Begriffe vereinigen, und diesen konventionellen Dingen und Begriffen eben die Wichtigkeit und Notwendigkeit beilegen, welche die natürlich erkannten Religionswahrheiten durch sich selber hatten. Das ist: man mußte aus der Religion der Natur, welche einer allgemeinen gleichartigen Ausübung unter Menschen nicht fähig war, eine positive Religion bauen“. Sie „erhielt ihre Sanktion durch das Ansehen ihres Stifters, „welcher vorgab, daß das Konventionelle derselben eben so gewiß von Gott komme, nur mittelbar durch ihn, als das Wesentliche derselben unmittelbar durch eines jeden Vernunft. Die Unentbehrlichkeit einer positiven Religion, vermöge welcher die natürliche Religion in jedem Staate nach dessen natürlicher und zufälliger Beschaffenheit modifiziert wird, nenne ich die innere Wahrheit derselben, und diese innere Wahrheit derselben ist bei einer so groß als bei der andern. Alle positiven und geoffenbarten sind folglich gleich wahr und gleich falsch. Gleich wahr: in sofern es überall gleich notwendig gewesen ist, sich über verschiedene Dinge zu vergleichen, um Übereinstimmung und Einigkeit in der öffentlichen Religion hervorzubringen. Gleich falsch: indem nicht sowohl das, worüber man sich verglichen, neben dem Wesentlichen besteht, sondern das Wesentliche schwächt und verdrängt.“

Die Arbeit des Künstlers, die ja selbst in einer natürlichen Religion versichert ist, besteht nun in der Befreiung der natürlichen Religion von dem, was „das Wesentliche schwächt und verdrängt“: von der Kirche – durch ein Herauslösen der für die Gemeinschaft notwendigen Symbole einer Verständigung aus der Inszenierung der Kirche; aus deren Umformung zum Dogma im Einsatz für ihren Machtapparat – durch ein Öffnen der vertraut geglaubten Bilder, um die Kräfte, die in ihnen gebündelt sind, wieder einsetzen zu können gegen jede Macht. Richard Wagner nannte dieses Arbeiten mit den Symbolen, hundert Jahre später, ein „tiefes Spiel“.

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Friedrichs II. Abschied. Friedrich Wilhelms II. Entscheidungen

Am 2. Oktober 1780 kam es in Sanssouci bei der Mittagstafel zwischen Friedrich II. und seinen beiden bei ihm zu Besuch weilenden Schwestern, der Herzogin Philippine Charlotte von Braunschweig und der Prinzessin Amalie, Äbtissin in Quedlinburg, zu einem Streitgespräch über die neue deutsche Literatur. Die Schwestern fragten den Bruder, warum er sich nicht auf die Werke einlasse, sie nicht lese, sie nicht würdige. Vorzüglich wird das Gespräch über Lessing gegangen sein. Philippine Charlotte schätzte ihn sehr, den vor zehn Jahren ihr ältester Sohn als Bibliothekar in Wolfenbüttel gewonnen hatte – eine Stelle, die ihm ihr Bruder in Berlin verweigert hatte. Sie wusste wohl, wie schlecht es nun um seine Gesundheit bestellt war. Sie war die Hebamme von Emilia Galotti gewesen. Die Herzogin habe ihn, hatte Lessing im Oktober 1771 Christian Friedrich Voß mitgeteilt, „so oft sie mich noch gesehen, um eine neue Tragödie gequält“; nun, da er mit Emilia Galotti „so gut als fertig“ sei, hoffe er, sie zu deren Geburtstag aufführen zu können. Herzog Karl I. von Braunschweig gestattete es. Am 13. März 1772 wurde Emilia Galotti „mit außerordentl. Beyfall“ uraufgeführt. „Herr Lessing hat die Rollen selbst verteilt“, stand in der Hamburgischen Neuen Zeitung, mitgeteilt wohl von Eschenburg, „und die spielenden Personen haben den Vorteil gehabt, bei zweifelhaften Fällen die eigentliche Deklamation von ihm selbst zu hören.“

Friedrich II. holte im Ärger über die Schwestern, im Ärger über eine Literatur, die nicht geliefert hatte, was er erwartete, seinen fast dreißig Jahre alten Brief an Jakob Friedrich Bielfeld wieder hervor, strich den Namen, denn der Angeschriebene war schon zehn Jahre tot, ergänzte das alte Manuskript mit ein paar neueren Eindrücken und machte es in Monatsfrist fertig zum Druck – einschließlich einer parallel zu erscheinenden Übersetzung ins Deutsche, damit auch jeder Schriftsteller die Schrift lesen und sich getroffen fühlen könne: Über die deutsche Literatur, die Mängel, die man ihr vorwerfen kann, welches ihre Ursachen sind und mit welchen Mitteln man sie beheben kann. Friedrich II. behauptete, 68 Jahre alt geworden, den Geist, der ihn durch sein Leben getragen hatte. Kein Wort über Lessing. Abgefertigt Goethe als Nachfahre Shakespeares: „da erscheint nun ein Götz von Berlichingen auf der Bühne, eine abscheuliche Nachahmung dieser schlechten englischen Stücke, und die Zuschauer im Parterre klatschen Beifall und verlangen begeistert die Wiederholung dieser widerlichen

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Plattheiten.“ Provokativ zugespitzt: „Die Blütezeit unserer Literatur ist noch nicht angebrochen; aber sie nähert sich. Ich kündige sie Ihnen an, sie wird erscheinen: Ich werde sie nicht mehr erleben, mein Alter nimmt mir die Hoffnung. Mir geht es wie Moses: Ich sehe von fern das Gelobte Land, aber ich werde es nicht mehr betreten.“ Warum diese Eile der Veröffentlichung? Suchte er den kranken Lessing noch zu erreichen? Es gelang ihm. Charlotte Philippine hatte sogleich den Abt Jerusalem gebeten, eine Entgegnung zu schreiben. Am 2. Februar 1781 lud sie Lessing zum Essen ein. Am Tag darauf bat er Johann Anton Leisewitz um dessen Exemplar von Abt Jerusalems Entgegnung. In der Nacht hatte er einen „Anfall von Stickfluß“, die letzte Krankheit brach aus. Am 15. Februar starb er.

Goethe hatte sich über die Schrift Friedrichs II. geärgert. Lange laborierte er an einer Entgegnung, französisch abgefasst, damit der König sie auch verstehen könne. Sein brüderlich gesinnter Großherzog Karl August konnte ihn abhalten, sich angesichts Friedrichs II. eigener Bloßstellung selbst bloßzustellen.

Als Mirabeau bei seinem zweiten Besuch im April 1786 Friedrich II. fragte, warum er denn nicht teilgenommen habe an der Entwicklung der deutschen Literatur, erklärte Friedrich II., er habe die Schriftsteller machen lassen, mehr hätte er nicht tun können. Der Gestalt des Moses als Bild von sich galten Friedrichs II. letzte Sätze: „La montagne est passé, nous irons mieux.“ Er hatte in seinem Testament vom 8. Januar 1769 verfügt: „Gern und ohne Klagen gebe ich meinen Lebensodem der wohltätigen Natur zurück, die ihn mir gütig verliehen hat, und meinen Leib den Elementen, aus denen er gebildet ist. Ich habe als Philosoph gelebt und will als solcher begraben werden, ohne Gepränge, ohne feierlichen Pomp. Ich will weder seziert noch einbalsamiert werden.“ Er glaubte nicht an ein Jenseits und auch nicht, dass der von ihm als Thronfolger bestimmte Neffe Friedrich Wilhelm sein Werk fortführen könne. Dieser stieg noch am Sterbetag in die vorbereitete Gruft hinunter, fand in dem engen Raum Hundesärge und entschied sich für eine Beisetzung Friedrichs II. an der Seite des Vaters in der Gruft der Potsdamer Garnisonskirche. In einem Castrum doloris, das „ausschließlich den Triumphgedanken“ darstellte, so beschrieb es Ernst H. Kantorowicz in seinem Buch Die zwei Körper des Königs, „ein sonderbares Konglomerat vielfältiger Symbole (die christlichen ausgenommen, die offensichtlich nicht zu der Atmosphäre einer Apotheose paßten).“ Der

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Neffe verwehrte dem Toten die Einkehr in die Natur. Hilflos dessen Geist gegenüber, den er mit Pomp beschwor.
Mit dem Essay Die Lage der Welt und Preußens nach Friedrichs Tode, 1786, suchte Oberst Christian von Massenbach, ein Freund Friedrich Schillers aus der Zeit an der Hohen Karlsschule, seit 1782 im Gefolge Friedrichs II., für das, was nun zu geschehen habe, ein Resümee zu ziehen: „Preußen muß sich vergrößern; Preußen muß, wie 1740, auf Eroberungen ausgehen, um sich zu erhalten. Stand dieser Grundsatz fest; so folgte aus ihm unmittelbar der zweite: Die Nation mußte Armee, und die Armee mußte Nation sein. Nur bei Befolgung dieser Grundsätze können die Völker zu Eroberungen schreiten.“ (Rückerinnerungen an große Männer, zweite Abteilung, Nachtrag) Diesen Weg der Eroberungen suchte Friedrich Wilhelm II. auf seine Weise zu gehen. Die von Friedrich II. gemeinsam mit Österreich und Russland vollzogene Teilung Polens setzte er mit Russland, unter Ausschluss Österreichs, mit einer zweiten Teilung fort. Er beteiligte sich an dem gesamteuropäischen Krieg gegen Frankreich, zog aber Truppen ab, um nach einem erfolgreichen Aufstand der Polen gegen Russland in Polen einzumarschieren. Im April 1795 schloss er, mit einem Zweifrontenkrieg überfordert, in Basel einen Separatfrieden mit Frankreich, der ihm in Preußen keine Anerkennung brachte. Ein halbes Jahr später wurde Restpolen unter Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt. So nutzte Friedrich Wilhelm II. die Kriege, die die Französische Revolution ausgelöst hatte, für den Ausbau des preußischen Reiches im Osten. Den Staatsschatz, den ihm Friedrich II. hinterlassen hatte, 50 Millionen Taler, hinterließ er seinem Sohn in fast der gleichen Höhe, 48 Millionen, als Schuldenberg.

Rahel Varnhagen: Unsere Sprache ist unser gelebtes Leben

Es waren jüdische Frauen, die in Berlin literarische Salons einrichteten, eine Öffentlichkeit schufen für die Stimmen der Dichter. Die Salons setzten die Ende der vierziger Jahre in Berlin gegründeten, den Männern vorbehaltenden Klubs fort, sie waren eine Frucht der einander befördernden Schriften von Lessing und Moses Mendelssohn, deren letzterer der jüdischen Gemeinde durch seine Schriften einen Raum der Selbstverständigung geschaffen hatte, der ihre wachsende, die Berliner Stadtkultur prägende Rolle auffing und die in ihren tradierten Abhängigkeiten, in ihrer sozialen Einbettung ruhenden Christen herausforderte. Den ersten Salon eröffnete 1780 Henriette
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Herz: zuerst neben den Einladungen ihres Gatten Marcus Herz, seinen Seminaren über Wissenschaft, Literatur und Kunst, als einen Frauenzirkel; dann führte sie ihn, mit Moses Mendelssohns Tochter Dorothea an ihrer Seite, als Tugendbund zur „Pflege der Freundschaft“, woraus schließlich ihr Salon entstand. Ihr folgten die Enkeltöchter von Veitel Ephraim, Marianne und Sarah Meyer, mit eigenen Salons. Rahel Levin setzte nach dem Tod ihres Vaters, des Juwelierhändlers und Bankiers Markus Levin, als älteste Tochter dessen Empfänge für die Kunden, Militärs und Diplomaten, Hofleute und Schauspieler auf ihre Weise fort: Mit ihrer Mutter in die Jägerstraße 53 umgezogen, eröffnete sie 1793 mit 22 Jahren in ihrer Dachstube ihren Salon. Hier trafen sich viele, die Berlins Kultur prägen sollten. Die Gesellschaft in Berlin konstituierte sich gegenüber dem Hof aus dem durch die Frauen initiierten Gespräch.

Die Welt war neu zu denken, neu einzurichten. „Ich freue mich, jetzt zu leben“, schrieb Rahel Varnhagen, „weil wirklich, reell, die Welt schreitet, weil Ideen, gute Träume ins Leben treten. Technik, Gewerbe, Erfindungen, Assoziationen, sie auszuführen, die Überzeugung selbst der Gouvernements, daß das endlich so sein muß.“ Es war diese Versicherung in das Neue, sich angesichts der Französischen Revolution des eigenen Weges bewusst zu werden. „Es gibt nur Lokal-Wahrheiten, und die Zeit ist nichts als die Bedingung, unter welcher sie sich bewegen, entwickeln, leben, wirken. Alle bekannten Wesen sind streng gebannt; jeder Mensch in seine Zeit. Unsere ist die des sich selbst bis ins Unendliche, bis zum Schwindel, bespiegelnden Bewußtseins.“ Ein Bewusstsein, das die Geschichte als Gegenwart begreift. „Wer ist denn vermögend, Geschichte zu schreiben oder zu lesen? Doch nur solche, die sie als Gegenwart verstehen! Nur diese vermögen das Vergangene zu beleben und es sich gleichsam in Gegenwärtiges zu übersetzen …“

22 Jahre alt, hatte sie an Karl Gustav von Brinckmann geschrieben: „Ich kann nicht umhin, Ihnen zu sagen, daß je näher man sich mit mir einläßt, je mehr Wahrheit von mir hört; denn es ist mir nicht möglich, sie nicht zu sagen, wenn man so recht scheint, sie von mir zu fordern.“ Prinz Louis Ferdinand, der nach seiner Rückkehr nach Berlin 1801 Rahel Varnhagens erster Gast geworden war, lobte, wie sie es verstand, Gespräche zu führen. Er schrieb es ihr: „Ich habe nämlich zu Gentz gesagt, Sie wären eine moralische Hebamme und accouchierten einen so sanft und schmerzlos, daß selbst von den peinlichsten Ideen dadurch ein sanftes Gefühl zurückbliebe.“ „Nichts muß in uns
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brachliegen“, versicherte Rahel Varnhagen, „am wenigsten Menschenverkehr, die innerliche Anregung, die nur bei ihrer Berührung entstehen kann: was macht denn sonst wohl das eigentlichste Wesen des Menschen aus und macht ihn dazu, als daß er andere Wesen, die Angesicht tragen, dafür annimmt und sie behandelt wie sich selbst: wann kann er das besser als im vielfältigsten, reichhaltigsten, häufigsten Umgang aller Art mit ihnen!“ Wohl daraus bezog sie ihr Vermögen, den Salon zu führen: als eine Arbeit an der Formung der Gesellschaft als Formung des Menschen durch den anderen. So setzte sie die Arbeit von Lessing fort. Forderte dieser das ständige Weiterdenken heraus, so suchte sie die Versicherung im Ausloten der Gefühle.

Goethes Werke waren Rahels immer ersehnte Lektüre. Sie setzte sich für ihn ein, noch bevor er mit Wilhelm Meisters Lehrjahre der gesellschaftsweisende Autor wurde. So sehr sie ihn brauchte als Bestätigung und Rückversicherung – sie selbst suchte das Entgegengesetzte: Sie setzte gegen die Literatur ihr gelebtes, gebendes Leben, ihre unendliche Liebe, ihren Einsatz, mit dem sie sich als Jüdin gegenüber der Gesellschaft zu behaupten hatte. Eine Jüdin, die sie nicht sein wollte; sie empfand es als Makel und musste es bitter lernen, Jüdin zu sein. Die Natur, schrieb sie, „war üppig, stolz, übermütig vor Freude, als die Erde mich empfing; aber weiter ging es mir schlecht; daher der starke Bruch; und ich bin schlecht und gut, das heißt viel und nichts nutz.“ Sie hatte die Kraft, sich als frei und unabhängig zu verstehen, sich selbst und ihrem Gefühl ganz zu vertrauen. „Die Zeit, wo ich Gewalt über mich hatte, ist, glaub’ ich, vorbei. Es gefiel mir einen Augenblick nicht mehr, welche über mich zu haben, und in diesem Augenblick hab’ ich sie verloren, und nicht wieder, und nur aus heuchlerischer Bescheidenheit setz’ ich nicht hinzu: auf immer.“ An ihren Jugendfreund David Veit schrieb sie am 16. Februar 1805, da kannte sie ihn bald zwanzig Jahre: „Der größte Künstler, Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element. Im selben Rang, und gehören zusammen. Und der den andern ausschließen wollte, schließt nur sich aus. Mir aber war das Leben angewiesen; und ich blieb im Keim, bis zu meinem Jahrhundert, und bin von außen ganz verschüttet, drum sag’ ich’s selbst. Damit ein Abbild die Existenz beschließt. Auch ist der Schmerz, wie ich ihn kenne, auch ein Leben; und ich denke, ich bin eins von den Gebilden, die die Menschheit werfen soll, und dann nicht mehr braucht, und nicht mehr kann. Mich kann niemand trösten: solch’ weisen Mann giebt’s nicht: ich bin mein Trost …“
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Novalis: Jeder Mensch sollte Künstler sein

Die Zeit war jung. Die Jungen versicherten sich der Freundschaft. „Wir können doch eine Bahn – Vergiß meine zweiundzwanzig Jahre auf einen Augenblick und laß mir den Traum vielleicht wie Dion und Plato“, schrieb Novalis an Friedrich Schlegel am 1. August 1794. „Heutzutage muß man mit dem Titel Traum doch nicht zu verschwenderisch sein – Es realisieren sich Dinge, die vor zehn Jahren noch ins philosophische Narrenhaus verwiesen wurden.“ (1. August 1794)

In seinen Vermischten Bemerkungen aus dem Jahr 1797 notierte Novalis: „Die gemäßigte Regierungsform ist halber Staat und halber Naturzustand – es ist eine künstliche, sehr zerbrechliche Maschine – daher allen genialischen Köpfen höchst zuwider – aber das Steckenpferd unsrer Zeit. Ließe sich diese Maschine in ein lebendiges, autonomes Wesen verwandeln, so wäre das große Problem gelöst. Naturwillkühr und Kunstzwang durchdringen sich, wenn man sie in Geist auflößt. Den Geist macht beydes flüssig. Der Geist ist jederzeit poetisch. Der poetische Staat – ist der wahrhafte, vollkommne Staat.“ (Vermischte Bemerkungen)

Poesie bedeutete für Novalis Übersetzung, Übergabe, Übergang. „Die Poësie ist die große Kunst der Construction der transscendentalen Gesundheit. Der Poët ist also der transscendentale Arzt. Die Poësie schaltet und waltet mit Schmerz und Kitzel – und Lust und Unlust – Irrthum und Wahrheit – Gesundheit und Kranckheit – Sie mischt alles zu ihrem großen Zweck der Zwecke – der Erhebung des Menschen über sich selbst.“ (Vorarbeiten 1798 Poesie)
Am 16. November 1797 folgte Friedrich Wilhelm III. seinem Vater auf den Thron. Er hatte in Luise, seiner Frau, eine Königin, die, von allen verehrt, für viele zur Hoffnungsträgerin wurde. Der Zeitpunkt war gekommen, den preußischen Staat zu reformieren. Staatsminister Carl Gustav Struensee eröffnete dem französischen Gesandten: „Die heilsame Revolution, die ihr von unten nach oben gemacht habt, wird sich in Preußen langsam von oben nach unten vollziehen. Der König ist Demokrat: er arbeitet unablässig an den Beschränkungen der Adelsprivilegien. In wenigen Jahren wird es in Preußen keine privilegierte Klasse mehr geben.“ Diplomatie oder Utopie, jedoch

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Ausdruck der Zeit, der ihr immanenten Erwartung. Mit den seit Anfang 1798 erscheinenden Jahrbüchern der Preußischen Monarchie unter der Regierung von Friedrich Wilhelm III. hatte sich der König ein Organ geschaffen für Berichte über seine Regierungstätigkeit – auch für Bilder, Momente aus seinem und der Königin Leben, und für Beiträge, die Hoffnungen und Erwartungen der Bürger zum Ausdruck bringen wollten. Eine Offerte. Novalis nahm sie an und veröffentlichte hier im Juli 1798 Glauben und Liebe oder der König und die Königin: „Ein blühendes Land ist doch wohl ein königlicheres Kunstwerk, als ein Park. (…) Kein Staat ist mehr als Fabrik verwaltet worden, als Preußen, seit Friedrich Wilhelm des Ersten Tode. So nöthig vielleicht eine solche maschinistische Administration zur physischen Gesundheit, Stärkung und Gewandtheit des Staats seyn mag, so geht doch der Staat, wenn er bloß auf diese Art behandelt wird, im Wesentlichen darüber zu Grunde. (…) Ein wahrhafter Fürst ist der Künstler der Künstler; das ist, der Director der Künstler. Jeder Mensch sollte Künstler seyn. (…) In unsern Zeiten haben sich wahre Wunder der Transsubstantiation ereignet. Verwandelt sich nicht ein Hof in eine Familie, ein Thron in ein Heiligthum, eine königliche Vermählung in einen ewigen Herzensbund? (…) Was ich mir vor allem wünschte? Das will ich euch sagen: eine geistvolle Darstellung der Kinder- und Jugendjahre der Königin. Gewiß im eigentlichsten Sinn, weibliche Lehrjahre. Vielleicht nichts anders, als Nataliens Lehrjahre. Mir kommt Natalie wie das zufällige Portrait der Königin vor. Ideale müssen sich gleichen.“ („Glauben und Liebe“)

Es ist die Natalie, die Wilhelm Meister, der sie nach dem Gang ihres Lebens befragt, erklärt: „Ich erinnere mich von Jugend an kaum eines lebhafteren Eindrucks, als daß ich überall die Bedürfnisse der Menschen sah und ein unüberwindliches Verlangen empfand, sie auszugleichen.“ (Wilhelm Meisters Lehrjahre) Nataliens Lehrjahre: der Schritt über Goethe hinaus, den Novalis suchte.

Friedrich Wilhelm III. verstand Glauben und Liebe nicht, gab den Text einem Minister, einem zweiten, beide erklärten verärgert, sie verstünden ihn auch nicht. Dass es aber gilt, zwischen Demokratie und Monarchie zu vermitteln; dass alles sich nur im Austausch entwickeln kann; dass der König das Glück hat, in seiner Frau ein Gegenüber zu finden, mit der zusammen er gegenüber dem Volk das Bild des Austauschs erfüllt – warum sollte er das nicht verstanden haben? Seine Ehe jedenfalls wollte er so nicht verstanden wissen.
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Novalis und Johann Wilhelm Ritter: die Möglichkeit einer Transsubstantiation
Wohl als Novalis Glauben und Liebe veröffentlicht hatte, schrieb er das Gedicht Hymne,
das er später als siebtes in den Zyklus seiner Geistlichen Lieder aufnahm.
Wenige wissen
Das Geheimniß der Liebe,
Fühlen Unersättlichkeit
Und ewigen Durst.
Des Abendmahls
Göttliche Bedeutung
Ist den irdischen Sinnen Räthsel; Aber wer jemals
Von heißen, geliebten Lippen
Athem des Lebens sog,
Wem heilige Gluth
In zitternde Wellen das Herz schmolz, Wem das Auge aufging,
Daß er des Himmels
Unergründliche Tiefe maß,
Wird essen von seinem Leibe
Und trinken von seinem Blute Ewiglich.
Wer hat des irdischen Leibes Hohen Sinn errathen?
Wer kann sagen,
Daß er das Blut versteht? Einst ist alles Leib,
Ein Leib,
In himmlischem Blute
Schwimmt das selige Paar. –
(Novalis. Geistliche Lieder. VII. Hymne)

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„Ist die Umarmung nicht etwas dem Abendmahl Ähnliches?“ notierte Novalis. (Vorarbeiten 1798 Teplitzer Fragmente) Und: „Theorie der Berührung – des Übergangs – Geheimniß der Transsubstantiation.“ (Das allgemeine Brouillon, 1798) Die Transsubstantiation verstand er als Fest der Liebe. Es führt aus dem Kult der Opferung des Sohnes heraus, mit dessen Feier, der Zelebration von Golgatha, das Neue Testament ins Alttestamentarische zurückgeführt wird. Weiter tragend den Kult der Liebe, von dem Diotima Sokrates berichtete, dessen Vorstellung vom Eros überschreitend. Einwirkend auf das Leben und es verwandelnd. Darin das Bild der Auferstehung als Weitergabe gewinnend.
Nie endet das süße Mahl,
Nie sättigt die Liebe sich.
(Novalis. Geistliche Lieder. VII. Hymne)
Novalis, der sich 1797 entschlossen hatte, an der Freiberger Bergakademie, einem Zentrum der zeitgenössischen Naturwissenschaften, zu studieren; der dort Vorlesungen zu Mineralogie, Geologie und Chemie hörte, fand seine Suche nach einer Transformation der Gesellschaft in einem Akt der Transsubstantiation aufgefangen, bestätigt in den Forschungen, Experimenten, Selbstexperimenten des Physikers Johann Wilhelm Ritter, der, angestoßen durch die Forschungen von Galvani, die Elektrochemie entdeckte. Novalis lernte Ritter ein Jahr nach der ersten Lektüre von dessen Schriften kennen. Im ersten Moment entstand eine Freundschaft „völliger Gleichgesinntheit“. Ritter war, schrieb er später, als wenn er „einmal laut mit sich selber sprechen könnte“. „Ritter ist Ritter“, schrieb Novalis an Caroline Schlegel, „und wir sind nur Knappen.“ Und ein paar Zeilen danach: „Auch in Spinotza lebt schon dieser göttliche Funken des Naturverstandes. Plotin betrat, vielleicht durch Plato erregt, zuerst mit ächtem Geiste
das Heiligthum –“ (20. Januar 1799)
„Ritter will“, notierte Novalis, „die Nothwendigkeit und Realitaet einer Naturphilosophie durch Reduktion zeigen, und die Unvollständigkeit einer Physik ohne sie. Nach Ritter verschwindet das Ponderable an Einem Orte um am andern wieder zu entstehn. Ritter nimmt überhaupt die Möglichkeit einer Transsubstantiation an.“ (Fragmente und Studien 1799/1800)

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Ritter war überzeugt: „Die Erde ist um des Menschen willen da. Sie selbst ist sein Organ – sein physischer Körper. Die Erde selbst ist der Mensch. Erdbeschreibung, physische, chemische etc. wird Menschenbeschreibung. Erdgeschichte – Menschengeschichte. Das physiologische Schema des Individuums ist das physiologische Schema der Erde.“ (Fragmente aus dem Nachlasse eines jungen Physikers) Novalis folgte ihm: „Ein gutes physicalisches Experiment kann zum Muster eines innern Experiments dienen und ist selbst ein gutes innres subj[ectives] Experiment mit. (vid. Ritters Experimente.)“ (Das allgemeine Brouillon, 1798)

In seinen Texten, die er als Fragmente aus dem Nachlasse eines jungen Physikers 1810 publizierte, notierte Ritter: „Man liebt nur die Erde, und durch das Weib liebt uns wieder die Erde. Darum findest du in der Liebe aller Geheimnisse Enträtselung. Kenne die Frau, so fällt das übrige dir alles zu.“ „Die Sehnsucht nach der Kenntnis der Dinge ist bloß das Ringen nach der Kunst zu lieben. Die Geliebte zu schaffen, und im Schaffen innig, ewig, mit ihr verbündet zu werden, ist unsere Absicht.“ „Nur die Gattung ist ewig. Darum soll der Mensch lieben. Sterben und Lieben sind Synonyme. In beiden wird die Individualität aufgehoben, und der Tod ist die Pforte des Lebens. Beides ist Vermählung mit der himmlischen Jungfrau, nur daß sie im Weibe incognito erscheint.“

Die Insubordination des Prinzen Louis Ferdinand

Auf Regierungsebene passierte nichts. Friedrich Wilhelm III. setzte die seit dem Frieden von Basel 1795 eingehaltene Neutralitätspolitik fort. Das übrige Europa lag im Krieg. Freiherr vom Stein, den der König 1804 als Handels-, Wirtschafts- und Finanzminister nach Berlin berufen hatte, zeigte sich erschrocken über ein System rivalisierender Behörden und Ministerien ohne geklärte Zuständigkeiten. Ein Wildwuchs, der sich in einem Dreivierteljahrhundert über der von Friedrich Wilhelm I. eingerichteten Verwaltung gebildet hatte. Der König selbst, der sich die letzte Entscheidung vorbehielt: „unschlüssig, zögerlich und einzig auf die Bewahrung des Friedens von einem Tag zum andern bedacht“.
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In allem „der Antagonist des Königs, vom raschen Entschluß“, bezeugte Friedrich von Cölln, war Prinz Louis Ferdinand, ein Neffe Friedrichs II., bezeugte Friedrich von Cölln. „Er war groß, schön wie Apollo, geschickt in allen Leibesübungen“, beschrieb ihn Ludwig von der Marwitz: Wenn er sich in seiner Uniform zeigte, war es, als ließe „der Kriegsgott selbst sich sehen“. Ein Phöbus in der Erscheinung, im Leben ein Dionysos, ein trunkener Verführer, riskant lebend, mit Schulden nicht zurecht kommend., doch begriff er den Sinn des Lebens im Leben. Der sich provozierend gegenüber dem Hof zeigte, den Friedrich Wilhelm III. nach Magdeburg versetzt hatte, gewann die Menschen, führte ein offenes Haus. Er hatte kein Vorzimmer. Seine abendlichen Einladungen überführte er, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt ans Klavier setzend, in Konzerte – auf seinem Jagdschloss Schricke bei Magdeburg, dann, nach Berlin zurückgekehrt, in seiner Sommerwohnung in Moabit an der Spree. Rahels Salon sein Raum. Er gewann die Menschen durch Kühnheit und Schönheit, durch seine Musikalität, seine Bravour als Pianist, durch die Intimität seiner aus Improvisationen am Klavier heraus entwickelten kammermusikalischen Kompositionen. Die Renaissance, die in Berlin aufbrach, in der Stadt gegenüber der ihr Leben verlierenden Potsdamer Residenz, hatte in ihm ihr Bild, den Neffen Friedrichs II. und Opponenten des Königs.

1804 war Louis Ferdinand nach Wien gereist, um mit Österreich eine Allianz gegen Napoleon herzustellen. Doch Friedrich Wilhelm III. weigerte sich, die Neutralitätspolitik aufzugeben. Am 2. Dezember 1805 besiegte Napoleon Österreich und Russland bei Austerlitz. Zwei Wochen später zwang er Preußen zu einem Offensiv- und Defensivbündnis mit Frankreich. Ein Vertrag, mit dem er Friedrich Wilhelm III. die Erwerbung von Hannover zusicherte. Nachdem Friedrich Wilhelm II. den ganzen Osten eingebracht hatte, hoffte der Sohn durch Napoleon auch den Westen einzubringen. Napoleon, der den Kaiser zur Abdankung zwang, schlug Friedrich Wilhelm III. vor, sich „Kaiser von Preußen“ zu nennen. Als England wegen Hannover den Krieg gegen Napoleon eröffnete, verhandelte Napoleon mit England und bot die Rückerstattung von Hannover an. Friedrich Wilhelm III. sah sich betrogen. Er veranlasste am 9. August 1806 die Mobilmachung.

„Wir haben keine Regierungsform, kein Gouvernement“, schrieb Prinz Louis Ferdinand Anfang September 1806 an Christian von Massenbach, seinen ehemaligen Lehrer. Louis Ferdinand hatte während der Vorbereitung des Feldzuges am 2. September mit einer von
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ihm initiierten Denkschrift, in der die Entfernung von drei Kabinettsministern gefordert wurde, den König aufs höchste aufgebracht. „Wenn Bonaparte Eure Königl. Majestät von bessern Ratgebern umgeben sieht, so wird er solideren Frieden machen und ihn halten, oder man wird Eurer Majestät Reich und Würde gegen ihn zu behaupten wissen. Die Welt ist voll der bereitwilligsten Alliierten, die Furcht nur, durch das Kabinett an Bonaparte verraten zu werden, ist seit Jahren das einzige Hindernis, welches viele abgehalten hat, Eurer Majestät ihre Gesinnungen mit dem Vertrauen zu entdecken, wozu Höchstdero persönliche Biederkeit sonst so einladend gewesen wäre. Selbst über Hannover ist eine Übereinkunft mit England nur dann möglich, wenn die Ursachen des Mißtrauens entfernt sind.“ Verfasst von Johannes von Müller und gezeichnet von Louis Ferdinand, den Prinzen August Wilhelm und Heinrich, Scharnhorst, Phull, Stein, Schrötter Schoeter und anderen. Ein Schritt, beispiellos in Preußens Geschichte.
Am 26. September stellte Friedrich Wilhelm III. Napoleon ein Ultimatum: Er habe die rechtsrheinischen Besitzungen zu räumen. Darauf hatte Napoleon gewartet. Die Frage, ob Napoleon offensiv oder defensiv zu begegnen sei, wurde im Generalstab lange diskutiert, der König als oberster Kriegsherr entschied sie nicht.

Eine Entscheidung aber blieb unumstößlich: Louis Ferdinand sollte die Avantgarde führen – dezidiert gegen den Rat der Generäle, gerade den des bei Jena das Kommando führenden Friedrich Ludwig Fürst zu Hohenlohe-Ingelfingen, der Louis Ferdinand als Führer der Avantgarde kannte. Aus der Überzeugung, so übermittelt von Johann Jakob Rühle von Lilienstern in seinem Bericht eines Augenzeugen, „daß man dem Prinzen wohl das Kommando einer Reserve, aber keineswegs eine Avantgarde anvertrauen könne, ohne die größte Gefahr zu laufen, durch die Übereilungen und öfters unbesonnene Hitze desselben in die verdrießlichsten Lagen verwickelt zu werden. Durch Rücksichten, die nicht bekannt geworden sind, vielleicht durch Befehle höheren Orts, veranlaßt, war indessen der Fürst nachgiebig genug gewesen, eigentlich wider seine bessere Überzeugung, den Wünschen des Prinzen zu willfahren, und ihn zum Befehlshaber der Avantgarde zu ernennen.“ (R. v. L., Bericht eines Augenzeugen von dem Feldzuge der während den Monaten September und October 1806 unter dem Commando des Fürsten zu Hohenlohe-Ingelfingen gestandenen Königl. Preußischen und Kurfürstl. Sächsischen Truppen, 1807) Nachgiebig gegenüber dem Wunsch oder dem Befehl gehorchend. Prinz Louis Ferdinand verbrannte „alles, was er schriftlich besaß“, wusste Rahel Varnhagen

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vom Major Moellendorff, „vor dem letzten Ausmarsch in Schricke“ (Rahel Varnhagen an Friedrich de La Motte Fouqué, 29. November 1811), und schrieb an Königin Luise: „Ich werde mein Blut für den König und für mein Vaterland vergießen, ohne jedoch einen Augenblick zu hoffen, es zu retten.“ Die Königin ließ Louis Ferdinand ohne Antwort in die Schlacht ziehen.

Am 10. Oktober griff er wider den Befehl mit seiner Avantgarde die Franzosen an. Seine Soldaten wurden aufgerieben. Der Prinz fiel, 33 Jahre alt. Napoleon erklärte in seinem Bulletin vom 12. Oktober: „Als der Prinz Louis von Preußen, als ein tapferer und rechtschaffender Soldat, der Unordnung seiner Leute gewahr wurde, ließ er sich in ein persönliches Gefecht mit einem Quartiermeister des Zehnten Husarenregiments ein. Er ist gestorben, wie jeder gute Soldat wünschen sollte zu sterben.“ Carl von Clausewitz schrieb an Johann Wilhelm von Archenholz: „Sein Tod war übrigens gewiß sein eigenes Werk; denn er würde sich haben retten können, weil er erst blessiert wurde, nachdem alles aufgegeben werden mußte. Er wollte nicht ohne Sieg zurückkehren.“ (12. Dezember 1806) Oberst Christian von Massenbach, Stabschef beim Fürsten Hohenlohe, hielt in seinen 1809 erschienen Historischen Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Verfalls des Preußischen Staats seit dem Jahre 1794 fest: „Hätte dieser Prinz auch nicht ein- für allemal den Befehl gehabt, sich in kein ernsthaftes Gefecht einzulassen; so mußte er jetzt weniger, wie jemals, selbst den Feind angreifen. (…) Der Prinz mußte sich, wie es ihm noch in voriger Nacht befohlen worden, auf Orlamünde, d.h. auf den Generallieutenant von Grawert, zurückziehen. (…) Daß der Prinz Louis diesen Rückzug, der ihm ein- für allemal befohlen war, nicht antrat; daß er eine Bataille lieferte, er, der noch nicht berufen, noch nicht bestimmt war, eine Bataille zu liefern; er, der die Stärke des Feindes wegen der waldigen Gegend nicht einmal beurtheilen konnte: – dadurch hat dieser Fürst die Truppen, die er führte, und sich selbst, ohne allen Zweck geopfert. Er ist nicht den Tod des Heroismus, er ist den Tod der Verzweiflung gestorben. Seine That verdient kein Lob, keine Bewunderung; sie verdient Tadel.“ Königin Luise glaubte, in dem Heldentod ein gutes Zeichen für die bevorstehende Entscheidungsschlacht zu erkennen. Nicht so das Heer. „Der unglückliche Erfolg dieses Vorpostengefechts“, bezeugte Massenbach, „machte einen schädlichen Eindruck auf die Armee!“ (Historische Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Verfalls des Preußischen Staats seit dem Jahre 1794, 1809) Verwirrung und Angst griffen um sich.

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Die Insubordination des Prinzen, die die Niederlage ankündigte, fand ihr Pendant in einer verweigerten Insubordination des Generals von Kalckreuth, die den Untergang der Armee besiegelte. Er, der sich als dienstältester General zurückgesetzt fühlte, verweigerte den Einsatz der von ihm befehligten Reserve, solange er keinen Befehl dazu erhalten hatte. Als er schließlich doch losmarschierte, war die Schlacht schon verloren. An einem Tag, dem 14. Oktober, wurde die preußische Armee von Napoleon und Marschall Davout in zwei Schlachten zerschlagen. Viele Soldaten blieben verschollen. Die preußische Armee existierte nicht mehr. Napoleon zog am 27. Oktober in Berlin ein.
Drei Tage später annoncierte Beethoven seine einmal Napoleon gewidmete Sinfonia eroica in Wien: „composta per festiggiare il sovvenire di un grand Uomo“. An die Stelle dessen, der ein Prometheus hätte sein sollen, sich aber selbst zum Kaiser gekrönt hatte, trat „ein großer Mann“, dessen Einsatz bezeugt bleiben, dessen Kraft weiterwirken sollte. Im Herbst 1804 war die Eroica Louis Ferdinand auf dem Landsitz Radnitz des Fürsten Lobkowitz vorgespielt worden. Er hatte in seiner Bewunderung um eine Wiederholung gebeten – und noch einmal. In Erinnerung daran hatte Fürst Lobkowitz nach dem Tod von Louis Ferdinand Beethoven vorgeschlagen, die inzwischen ihm gewidmete Eroica nun dem Prinzen zu widmen. Dessen Namen war gegenüber den Franzosen nicht zu nennen.

„Die Natur hatte diesen Prinzen mit den herrlichsten Gaben ausgerüstet“, schrieb Massenbach, „aber er hatte zu geschwind gelebt; sein physisches und moralisches Wesen war vernichtet. Und daß diese herrlichen Anlagen der Natur vernichtet waren, ist nicht ganz die Schuld dieses unglücklichen Fürsten; man muß einen großen Teil dieser Schuld auf die Rechnung einer fehlerhaften Staatsverfassung setzen, welche den feurigen Geist dieses Prinzen ohne alle Beschäftigung lassen mußte.“ „Staatsverfassung“ schrieb Massenbach, so grundsätzlich: Friedrich II. selbst das eindrücklichste und eben prägende Beispiel, dessen Lebensvorstellung zerbrochen worden war und der das derart durchteilte Leben vorgelebt, vorexerziert hatte. Prinz Louis Ferdinand war, was Friedrich II. sein wollte – in seinen Dichtungen, als Flötist bei den fast allabendlichen Kammerkonzerten, Louis Ferdinand war der glänzende Pianist, als Komponist der erste Romantiker, die Hoffnung auf die Erneuerung Preußens.

Napoleon war willens, das gerade hundert Jahre alte preußische Königreich abzuschaffen. Zar Alexander I. hielt ihn ab. So reduzierte er Preußens Territorium drastisch – verloren

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waren Pommern, Schlesien, Danzig, die durch die polnischen Teilungen zugefallenen Gebiete Polens, Magdeburg und alle westlichen Gebiete – und verlangte Zahlungen, die nicht zu leisten waren. „Unser Todesurteil ist gesprochen“, erklärte Königin Luise, „Preußen existiert nicht mehr!“

Kleists Penthesilea – Trauerspiel und Transsubstantiation

Es „müssen Charaktere wie Friedrich studiert werden“, dozierte Adam Müller vor Politikern und Diplomaten 1808 in Dresden, „um das Zeitalter und seine Gebrechen zu erkennen“: „Vor seinem Vater schauderte er zurück; geliebt mit Kraft und Entsagung und Resignation hat er nie … Er konnte sein Volk nicht begreifen, wie es vor seinen Augen und um ihn her lebte, geschweige das Alterthum dieses Volkes.“ (Die Elemente der Staatskunst, 17. Vorlesung) Aber Friedrichs II. Vorstellung war es doch gewesen: „Ein Herrscher verhält sich zu seinem Volk wie das Herz zu dem Mechanismus unseres Körpers“, schrieb er, ein gutes Jahr bevor er seinem Vater folgte, an Voltaire. „Es empfängt das Blut aus allen Gliedern und treibt es wieder bis zu den äußersten Gliedmaßen.“ (8. Januar 1739) Wohin hatte das Herz dessen, der sein Volk nicht begreifen konnte, das Volk getrieben?

Ende Januar 1808 konnten Heinrich von Kleist und Adam Müller das erste Stück ihrer Zeitschrift Phöbus veröffentlichen. Vorangestellt ein Kupfer nach einem Gemälde von Ferdinand Hartmann: Die drei Marien am Grabe. Einem Prolog von Kleist folgten: „I. Organisches Fragment aus dem Trauerspiel: Penthesilea“, acht Auftritte; „II. Über die Bedeutung des Tanzes“, ein Aufsatz von Christian Gottfried Körner; „III. Der Engel am Grabe des Herrn“, ein Gedicht von Kleist zu dem Kupfer von Hartmann; „IV. An Dorothee“, eines der letzten Gedichte von Novalis. Daran schlossen sich Texte von Adam Müller an: „V. Fragmente über die dramatische Poesie und Kunst; VI. Popularität und Mysticismus; VII. Über den schriftstellerischen Character der Frau von Stael-Holstein“. Dann ein Epilog von Kleist. So ineinander verschränkt, Novalis und er, Auferstehung und griechische Tragödie, stellte Kleist ein Fragment von Penthesilea vor: Offensichtlich ist das Trauerspiel Novalis zugeeignet, dessen Feier einer Transsubstantiation.

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Das Gedicht An Dorothee. Zum Dank für das reizende Bild meiner Julie hatte Novalis im Sommer 1800 geschrieben. Dorothea Stock hatte Julie von Charpentiers, mit der Novalis seit anderthalb Jahren verlobt war, gezeichnet. Novalis, selbst schon schwer erkrankt, fürchtete um Julies Leben. Fürchtete, dass sie vor ihm stürbe. Beide an der Schwelle des Todes.

Der Dichter klagt, und die Geliebte Naht der Zypresse, wo er liegt.
Kaum birgt die Thränen der Betrübte, Wie sie sich innig an ihn schmiegt.
Die Geliebte kündigt ihm ein Mädchen an, das ihm ein Blatt geben wird. Es kommt.
Und reicht, wie alte Freunde pflegen, Das Blatt ihm und die Lilienhand.
Mit dem Blatt, auf welches das Bild der Geliebten gezeichnet ist, in der Rechten und in der Linken, wie der Engel der Verkündigung, eine Lilie, das Zeichen der Keuschheit, um der Jungfrau die Schwangerschaft mitzuteilen.
Du kannst nun deine Klagen sparen, Dein innrer Wunsch ist dir gewährt, Die Kunst vermag das zu bewahren, Was einmal die Natur verklärt; Nimm hier die festgehaltne Blüthe, Sieh ewig die Geliebte jung:
Einst Erd’ und Himmel, Frucht und Blüthe In reizender Vereinigung.
Ausgedrückt in der Form eines rührenden Reims: die Blüte des Lebens gewonnen und weitergegeben, weiterwirkend in der Blüte der Kunst.
Wirst du gerührt vor diesen Zügen Im späten Herbst noch stille stehn,

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So wirst du leicht die Zeit besiegen Und einst das ew’ge Urbild sehn. (Novalis, An Dorothee)
Das Bild von Hartmann: Die drei Marien, die zum Grab kommen, um zu sehen, ob Christus am dritten Tage auferstanden sei, und die auf einen Engel treffen, der mit der Rechten in die Höhe zeigt, in der Linken einen Palmenwedel hält: das Zeichen des triumphalen Einzuges in Jerusalem, jetzt des Triumphes über den Tod – sie zeigen sich mit der Anmut, die einem Andachtsbild zusteht. Adam Müller hatte Kleist um ein Gedicht darüber gebeten. Kleist nahm das Motiv auf, um durch das Gedicht Der Engel am Grabe des Herrn sein Bild zu finden, mit ihm zu formulieren, warum er schreibt, was sein Auftrag ist – er am Grab, verkündend, dass sie geschehen ist: die Auferstehung des Herrn; ein Bild für das, was zu geschehen hat: die Auferstehung des Landes, durch seine Sprache bezeugend, dass es geschehen kann. Insistierend gleichsam, dass durch eine Darstellung auf dem Theater die Wirkung erreicht werden kann, die der Engel auslöst: ein Furor, der sich im Blitz entlädt, ein Durchgang durch den Tod, um, durch die Erfahrung versichert, eine eigene Auferstehung, hinaus in die Welt gehen zu können und zu handeln.
Die drei Marien kamen zur Grabeshöhle und sahen:
Die Hüter, die das Grab bewachen sollten,
Gestürzt, das Angesicht in Staub,
Wie Tote, um den Felsen lagen sie;
Der Stein war weit hinweggewälzt vom Eingang;
Und auf dem Rande saß, das Flügelpaar noch regend, Ein Engel, wie der Blitz erscheint,
Und sein Gewand so weiß wie junger Schnee.
Da stürzten sie, wie Leichen, selbst, getroffen,
Zu Boden hin, und fühlten sich wie Staub,
Und meinten, gleich im Glanze zu vergehn:
Doch er, er sprach, der Cherub: „Fürchtet nicht! …“
Der Engel führte sie durch die leere Grabeshöhle und fuhr fort:

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„Geht hin, ihr Fraun, und kündigt es nunmehr Den Jüngern an, die er sich auserkoren,
daß sie es allen Erdenvölkern lehren,
Und tun also, wie er getan“: und schwand. (Kleist, Der Engel am Grabe des Herrn)
Es ist die Säkularisierung der christlichen Botschaft im eigenen Erlebnis – die Einbringung dessen, wofür Jesus von Nazareth gelebt hat, die Aufforderung der Weitergabe, des Weiterwirkens: „tun also, wie er getan“. Die Auferstehung verstanden, wie Spinoza sie Oldenburg darstellte: „daß Christi Auferstehung von den Toten in der Tat eine geistige war und nur den Gläubigen ihrer Fassungskraft entsprechend offenbart worden ist: daß nämlich Christus mit der Ewigkeit begabt worden und von den Toten auferstanden ist (die Toten verstehe dabei in dem Sinne, in dem Christus gesagt hat: ‘Lasset die Toten ihre Toten begraben’), gleichwie er im Leben und Sterben ein Beispiel einziger Heiligkeit gegeben und insofern seine Jünger von den Toten auferweckt, als sie das Beispiel seines Lebens und Sterbens befolgen“. (75. Brief)

Eine Arbeit, die Novalis leisten wollte; die Kleist von ihm übernommen hat. Die Vorgabe für das Gedicht war nicht Hartmanns Gemälde, sondern, worauf Gernot Müller hingewiesen hat, Paolo Veroneses Gemälde, das in der Dresdner Gemäldegalerie hängt: Die Auferstehung Christi, um 1575. Hier ist Christus dargestellt, aufsteigend zum Himmel, die Arme ausgebreitet, eine Mandorla im Rücken, die Wächter geblendet hinsinkend – davon berichtet Kleist im ersten Teil des Gedichtes –, während der Engel am Grabe im Hintergrund zu sehen ist: Er zeigt den drei Marien den leeren Sarg, räumlich und zeitlich versetzt.

Die Auswahl der Auftritte aus Penthesilea endet mit: „Die Siegerin, / Mit Rosen wird sie seine Scheitel kränzen!“ Vor dem Schrei des Entsetzens: „… was erblick ich!“ Das Fragment verweigert das dionysische Christusbild: „Ach, diese blutgen Rosen! / Ach, dieser Kranz von Wunden um sein Haupt!“, verweigert Penthesileas Liebestod. In Phöbus IV bis V im Mai veröffentlichte Kleist eine „Dedikation der Penthesilea“:
Zärtlichen Herzen gefühlvoll geweiht! Mit Hunden zerreißt sie, Welchen sie liebet, und ißt, Haut dann und Haare, ihn auf.

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(Kleist, Epigramme)
Der Kern des Trauerspiels ist die Sage von Artemis und Aktaion, jenes Jägers, der im Wald Artemis nackt beim Baden erblickt. Sie verwandelt ihn in einen Hirsch, damit seine eigenen Hunde ihn jagen und zerfleischen. Von Euripides in den Bakchen aufgerufen, als Kadmos seinen Enkel Pentheus, den König von Theben, vor „Aktaions jammervollem Untergang“ warnt, der sich dann ereignet: Es ist die Mutter, die als Mänade, ihren Sohn Pentheus, ihn für einen Löwen haltend, von Hunden jagen und zerreißen lässt. Jubelnd, den Kopf auf einem Stab vor sich hertragend, kehrt sie nach Theben zurück. Die Sage von Aktaion und Artemis oder Diana durchzieht die Stücke von Shakespeare. Er las sie in Ovids Metamorphosen und als Sonett in Giordano Brunos Dialogen Von den heroischen Leidenschaften, geschrieben in London, kurz bevor er selbst begann, Theaterstücke zu schreiben.
Vidde, e ’l gran cacciator dovenne caccia.
Da ward der große Jäger selbst zur Beute.
(Giordano Bruno, Von den heroischen Leidenschaften)

Bruno ließ sein Sonett im Dialog kommentieren: „Aktaion wird also seinen Hunden als Beute vorgesetzt, das heißt wird von den eigenen Gedanken verfolgt, läuft und lenkt seine Schritte neu; er ist von neuer Gestalt, so daß er wie ein Gott und flinker vorwärtskommt, das heißt mit größerer Leichtigkeit und mehr Ausdauer, zu undurchdringlichen Orten, in Wüsten, in das Gebiet der unbegreiflichen Dinge; er, der ein gewöhnlicher, alltäglicher Mensch war, wird besonders und heroisch. Er hat besondere Sitten und Vorstellungen und führt ein außerordentliches Leben. Dann geben ihm seine vielen großen Hunde den Tod. Hier endet sein Leben inmitten der verrückten, sinnlichen, blinden und phantastischen Welt, und er führt nun ein geistiges Leben. Er lebt das Leben der Götter, nährt sich von Ambrosia und trinkt Nektar.“ (Von den heroischen Leidenschaften)

Es ist die Konstellation, die Penthesilea bestimmt, die sich nun aber in einem permanenten Umschlag von Jäger in Beute, von Beute in Jäger austrägt, der sich erfüllt in einem Liebesrausch, das Abendmahl aufrufend. Kleist überlagerte Shakespeares Dramaturgie der Kriege mit Novalis’ Vorstellung einer Überführung der Gesellschaft in ein neues Stadium durch den Akt der Transsubstantiation. In seinem ersten Trauerspiel,
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Die Familie Schroffenstein, hatte er mit Lessings Blankvers, mit Argumenten, Situationen und Bildern aus Nathan der Weise die Vorgabe von Shakespeares Romeo und Julia durch seine Erfahrungen weitergetrieben. Und hier nun: Sind sie nicht ein Gleiches, geliebt und bewundert, einander achtend; die einzigen, fähig, die Welt, das Land, das Haus zu öffnen: Napoleon und Louis Ferdinand? Und stehen als Feinde einander gegenüber. Schon gefallen der eine, und der Sieger herrscht als Tyrann im Land des Besiegten. Daran entzündete sich der Furor, den Feind, den Geliebten in sich aufzunehmen, sich in ihn zu verwandeln, eins zu sein. Ein Furor, als Akt auf der Bühne., durch den Kleist Kräfte freizusetzen sucht.

Euripides schrieb im makedonischen Exil Die Bakchen als Mahnung an Athen, das in seinem Krieg gegen Sparta in die Niederlage trieb. Dionysos kehrt in Theben ein, damit die Herrscherfamilie, die seine Mutter Semele und ihn verleumdet hat, sich selbst auslöscht. Er endigt die Geschichte Thebens, seiner Bevölkerung und seines Herrscherhauses. Sie sind eins. Mit dem Willen des Zeus: Das Volk wird in Kriegsgefangenschaft geraten, versprengt in viele Staaten: tabula rasa. Im Januar 1812, zwei Monate nach Kleists Tod, setzte Friedrich August Ludwig von der Marwitz an den Anfang seiner Schrift Über eine Reform des Adels: „Die jetzige tiefe Verderbnis der Nation kann nur geheilt werden durch einen langen, fürchterlichen Krieg, in welchem auf gleiche Weise ihren Lohn finden und vernichtet werden die niedrigen Gesinnungen unserer Fürsten, die Verworfenheit des Adels, die Aufgeblasenheit und der politische Unglauben des Bürgers, die Faulheit des Bauern und die beschränkte Weltlichkeit unserer Geistlichen. Soll nachher bessere Zeit kommen, so muß aus dem Schutt hervorgehen ein wahrer Adel.“ (Ein märkischer Edelmann im Zeitalter der Befreiungskriege)

Giordano Bruno feierte Elisabeth I. als „l’unica Diana“, als die Königin, die Europa erneuern, es von der Herrschaft des Papstes befreien könne. Mit Königin Luise verbanden sich die Hoffnungen auf eine Regeneration des Staates. Zwei Jahre zuvor, am 11. Dezember 1805, hatte Louis Ferdinand an Pauline Wiesel, seine große Liebe, aus Erfurt geschrieben: „Das Gesetz, welches in Rom bei Todesstrafe verbot, mit einem Feinde auf römischem Gebiete zu verhandeln, und welches die Franzosen in den Anfängen der Revolution angenommen haben, hat sie gezwungen zu siegen. Friedrich, der große Friedrich, konnte ein Jahr eher Frieden haben, wenn er einen Teil von Glatz hätte

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abtreten wollen, allein er wußte: wenn man einmal nachgibt, so ist kein Halt mehr … Nichts läßt sich mit dem peinlichen Gefühl vergleichen, dessen Beute ich bin, und man tanzt, man amüsiert sich in Berlin! Adieu, lege mich der Königin zu Füßen und sage ihr, wenn ihre Gefühle und die entschlossene Art, wie sie sich für das Gute und für energische Maßregeln ausgesprochen hat, bekannt wären, so würden alle wohldenkenden Leute und die ganze Armee ihr Altäre errichten.“ Ihr überreichte Kleist ein Sonett „Zur Feier ihres Geburtstags den 10. März 1810“:
Wie, trotz der Wunde, die dein Herz durchschnitt, Du stets der Hoffnung Fahn’ uns vorangetragen … (Kleist, An die Königin von Preußen)

Doch der Königin zur Seite ein Pentheus. Seiner Schwäche bewusst, eifersüchtig auf sein Amt, eifersüchtig auf die Verehrung, die seine Frau erfuhr. Umstellt von einem Kreis der Reformer, die harrten.

Kleist suchte für das Rosenfest, die Feier der Liebe, eine neue Sprache der Darstellung; eine Form, die seine Sprache in eine Sprache der Körper auf der Bühne führen würde. Er setzte neben das „organische Fragment“ den Aufsatz Über die Bedeutung des Tanzes von Christian Gottfried Körner. Das pochende, springende Herz, das ihn trieb, sollte die Körper durchjagen, wie es den Vers durchpulst, und also den Zuschauer ergreifen. Ein Versuch fand am 23. April 1811 im Konzertsaal des Berliner Nationaltheaters statt, innerhalb eines Zyklus pantomimischer Darstellungen von Henriette Hendel-Schütz. Friedrich Karl Julius Schütz las eine Szene, dann tanzte seine Frau. Die Deklamation missfiel, die Bezüge zu kompliziert; die Pantomime aber überzeugte.
Napoleon und Goethe in Erfurt – die Erben Friedrichs II.
Fünfzig Jahre nachdem Friedrich II. die europäischen Mächte herausgefordert hatte, ritt Napoleon, der dessen Schlachten studiert hatte, durch das Brandenburger Tor. Er richtete in Berlin sein Hauptquartier ein und plante von dort aus die Kontinentalsperre gegen England und den Krieg gegen Russland. Der, um zu siegen, die Landschaften immer einzusetzen gewusst hatte, jetzt hatte er die Landschaften gegen sich. Er wußte, daß

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Rußland die Kontinentalsperre entscheidend treffen würde. Er begann, seinen Untergang zu organisieren. Auf dem Höhepunkt seiner Macht der Sturz durch Hybris.
Als Napoleon Zar Alexander I. und die deutschen Fürsten des Rheinbundes vom 27. September bis 4. Oktober 1808 zum Fürstentag nach Erfurt rief, lud er auch Goethe zu einem Gespräch ein.

Er unterhielt sich mit ihm über den Werther. Goethes eigenem Bericht, seiner „Skizze“ der Unterredung mit Napoleon folgend, verwies ihn Napoleon auf eine bestimmte, von Goethe nicht überlieferte Stelle „und sagte: warum habt Ihr das gethan? Es ist nicht naturgemäß, welches er weitläufig und vollkommen richtig auseinander setzte“. Goethe gestand, „daß an dieser Stelle etwas Unwahres nachzuweisen sei. Allein, setzte ich hinzu, es wäre dem Dichter vielleicht zu verzeihen, wenn er sich eines nicht leicht zu entdeckenden Kunstgriffs bediene um gewisse Wirkungen hervorzubringen, die er auf einem einfachen natürlichen Wege nicht hätte erreichen können.“ Verzeihlich oder nicht. Jedenfalls: „Der Kaiser schien damit zufrieden.“ Napoleon hatte Goethe erkannt und getroffen, was sich im Untertitel von dessen Autobiographie manifestieren wird: „Wahrheit und Dichtung“, dann geändert – und nicht nur aus rhythmischem Grund – in: Dichtung und Wahrheit. Die Fügung der Wahrheit nach seinem Bilde, mithin die Führung und Formung des Lesers.

Der Plan zur Autobiographie, dazu, nunmehr die eigene Fügung und Formung in dieser Zeitenwende darzustellen, stand in diesen Tagen. Nach Riemers Mitteilung hatte Goethe den Gedanken dazu fünf Wochen zuvor gefasst, an seinem 59. Geburtstag, am 28. August. Genau ein Jahr nach der Begegnung mit Napoleon jedenfalls notierte er sein biographisches Schema: von der Ernennung seines Vaters zum Kaiserlichen Rat durch Karl VII. am 16. Mai 1756 in Frankfurt bis zu seiner Aufnahme in die Ehrenlegion durch Napoleon am 12. Oktober 1808.

Im siebenten Buch von Dichtung und Wahrheit bestimmte Goethe nun den Neubeginn der deutschen Literatur: „Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Thaten des siebenjährigen Krieges in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich- Ersten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für einen Mann stehn. Könige sind darzustellen in Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten

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erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und theilen, und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Theilnahme derselben entziehen. In diesem Sinne muß jede Nation, wenn sie für irgend etwas gelten will, eine Epopöe besitzen, wozu nicht gerade die Form des epischen Gedichts nöthig ist.“ Erschienen 1812. Goethe sprach von Friedrich II., seiner Jugendliebe, als spräche er von Napoleon. Friedrich II. hatte Goethe den Boden bereitet. Er war die deutsche Literatur bestimmend, die deutsche Kultur führend zum Repräsentanten der nun von Napoleon organisierten Nation geworden.



Kleists Prinz Friedrich von Homburg – Anfang und Ende

Die Hoffnungen, durch einen Akt der Insurrektion den König mitzureißen, den Krieg gegen Napoleon zu beginnen, trug Kleist Ende 1808 in dem Drama Die Hermannsschlacht aus. In der Schlacht im Teutoburger Wald spiegelte er die Gegenwart: die Franzosen, Österreicher, Preußen, die Rheinbundfürsten. Während Kleist Anfang 1809 alles daransetzte, eine Aufführung durchzusetzen, implodierten die Erwartungen in der Aktion des Majors Ferdinand von Schill, der am 24. März 1809 mit seinem Husarenregiment aus der Kaserne in Berlin ausrückte, mit dem Ziel, Kassel, die Residenz von Napoleons Bruder Jérôme, des Königs von Westfalen, zu erobern; der schließlich Stralsund besetzte und fünf Wochen später dort im Straßenkampf fiel. Die „Rebellion“ eines, der seine Kräfte überschätzte und die der anderen verschleuderte. In seinem Selbstverständnis vielleicht ein Judas, der Christus verriet, damit dieser sich als König zeige und handle. An eine Aufführung von Die Hermannsschlacht war nicht mehr zu denken.

Heinrich von Kleist griff jetzt die Aufforderung des Königs auf, „Gegenstände aus der älteren vaterländischen Geschichte Preußens“ zu behandeln; seinen Wunsch, „neben dem Ruhme Friedrichs des Zweiten, auch den viel nationaleren des großen Kurfürsten Friedrich Wilhelms, und älterer Helden des Brandenburgischen Hauses, geltend zu machen“, und schrieb mit der Aussicht auf eine öffentliche Unterstützung, die er dringend brauchte, ein Schauspiel über den Beginn Preußens als eigenen Staates, über den „viel nationaleren Ruhm“ des Großen Kurfürsten, über die Schlacht von Fehrbellin 1675: Prinz Friedrich von Homburg. Er setzte die Schlacht, Preußens Durchbruch auf dem Weg zum Königreich, zu einem Empire, mit Entscheidungen, die zur Vernichtung der Armee 1806 geführt hatten, in ein Bild: Aufstieg und Untergang in einem. Kleist durchblendete den siegreichen Prinzen Friedrich II. von Hessen-Homburg mit dem gefallenen Prinz Louis Ferdinand. Was sie, die im Leben unterschiedlicher nicht zu denken waren, verband, war ihre Insubordination: die Eröffnung der Schlacht wider den Befehl. Eine Insubordination, die Friedrich II. in seiner Geschichtsschreibung für den Prinzen von Hessen-Homburg erfunden hatte; die Prinz Louis Ferdinand tatsächlich beging. Die Figur, die Kleists Schauspiel zuletzt bestimmt, ist Friedrich II. selbst, dessen eigene Insubordination.

Das Zentrum des Schauspiels ist die Todesangst des Prinzen von Homburg. In eine Korrespondenz, in ein Gegenbild gesetzt mit dem, was Kronprinz Friedrich durchlebte, als Katte hingerichtet wurde, als einer Urszene der preußischen Geschichte. Hatte der Kurfürst Friedrich Wilhelm durch den Sieg über die Schweden bei Fehrbellin den Grund gelegt für das künftige Königreich, schuf das Vorgehen von König Friedrich Wilhelm I. gegen seinen Sohn, das Operieren mit der Todesstrafe, mit der Todesangst, die Struktur, die das Königreich prägen sollte. Darauf zielte das Stück. Der Raum des Stückes ist die Nacht von Gethsemane, nicht im Sinne der Kirche, gegen sie. Die Kurve, in der die Todesangst durchlebt wird, gleicht sich in den Briefen und Zeugnissen des Kronprinzen und in den Versen des Prinzen, so unterschiedlich die Charaktere sind. Kleist operiert aus der Entgegensetzung, changiert nicht mit Ähnlichkeiten. Von dem Nicht wahrhaben wollen, dass ein Todesurteil ernstlich vollzogen werden könnte, von den Kommentaren zu den Stimmen der einzelnen Generäle vor dem Kriegsgericht, über die Bitten bis zum Blick auf die Hinrichtung Kattes, den der König verordnete, zum Blick in das „Grabgewölb“, das der Kurfürst „eröffnen ließ“, um dann zu enden mit dem Ruf des Kronprinzen, sich aus dem „Staub“ zu erheben, dem Ruf des Prinzen von Homburg, die Feinde in den „Staub“ zu werfen. Nicht als Gleichsetzung oder Benennung, sondern als Durchblendung, als eingeschriebene Struktur: der Durchgang durch den Tod, das Opfer, als Not und Gebot zur Vernichtung des Feindes.



Requiem und Transsubstantiation

Kleist hatte erhofft, mit dem Schauspiel die Anerkennung des Hofes zu finden. Er erntete Schweigen. Das Theater, sein Forum, die Öffentlichkeit, die er mit seinen Stücken einforderte, wurde ihm verweigert. Kleist setzte sein Leben ein. Er inszenierte seinen Tod. Was immer er noch geschrieben hatte – seine Arbeit als Dichter war abgeschlossen; er verbrannte es. Sein Tod ist der andere Teil des Schauspiels. Gegenüber seinem Tod ist das Schauspiel ein Requiem auf das untergegangene Preußen. Was er in Penthesilea überlagert hatte, Krieg und Transsubstantiation, trennte er: den Krieg als Schauspiel, die Transsubstantiation als seine eigene Tat. Dem Durchgang durch den Tod, zu dem der Prinz gezwungen worden war, dem Blick in das bereitete Grab, setzte er seinen freien Tod entgegen, als Eingang in das Leben. Als einen Akt der Liebe gesetzt:

„… aufzuopfern, ganz für das, was man liebt, in Grund und Boden zu gehn: das Seligste, was sich auf Erden erdenken läßt, ja worin der Himmel sein muß, wenn es wahr ist, daß man darin vergnügt und glücklich ist“. (An Marie von Kleist, 19. November 1811)

Der Ort am Kleinen Wannsee – zwischen Berlin und Potsdam. Zwischen einer Vergangenheit, die ihren Ort im Castrum doloris, der Grabstätte Friedrichs II. und seines Vaters, unter der Garnisonskirche hat und lebensunfähig die Gegenwart besetzt, und einer Zukunft, die jung, voller Erwartung, die Gegenwart erfüllt, der die Luft zum Atmen genommen wird.

Die Geliebte, das Bild der Braut, fand er in Henriette Vogel. Bei Marie von Kleist hatte er darum geworben, aber sie wollte diesen Weg nicht mit ihm gehen. Er gestand ihr, daß er sie „gegen eine andere Freundin vertauscht“ habe: „Nur so viel wisse, daß meine Seele, durch die Berührung mit der ihrigen, zum Tode ganz reif geworden ist“„deren Seele wie ein Adler fliegt“ „die mir die unerhörte Lust gewährt, sich, um dieses Zweckes willen, so leicht aus einer ganz wunschlosen Lage, wie ein Veilchen aus einer Wiese, herausheben zu lassen“„Du wirst begreifen, daß meine ganze jauchzende Sorge nur sein kann, einen Abgrund tief genug zu finden, um mit ihr mich hinab zu stürzen.“ (An Marie von Kleist, 19. November 1811)

Die Nacht vor dem Selbstmord blieben sie wach und schrieben ihre Abschiedsbriefe. Übermittelt durch Eduard von Bülow blieb eine „unverbürgte Nachricht“: „man habe nach Kleists Tode neben seinem und Henriettens Leichnam ein Exemplar von Novalis Schriften gefunden, in welchem die Hymnen an die Nacht, als ihre unmittelbare Lektüre vor der That, aufgeschlagen gewesen seien“. (Eduard von Bülow, Heinrich von Kleist’s Leben und Briefe)

Zwölf Jahre zuvor, am 12. November 1799, hatte Kleist an seine Schwester Ulrike geschrieben: „Große Entwürfe mit schweren Aufopferungen auszuführen, ohne selbst auf den Lohn verstanden zu werden Anspruch zu machen, ist eine Tugend, die wir wohl bewundern, aber nicht verlangen dürfen. Selbst die größten Helden der Tugend, die jede andere Belohnung verachteten, rechneten doch auf diesen Lohn; und wer weiß, was Sokrates und Christus getan haben würden, wenn sie im voraus gewußt hätten, daß keiner unter ihren Völkern den Sinn ihres Todes verstehen würde.“

Kleists Abschied ließ die Freunde allein. Der angekündigte Bericht des Nachlaßverwalters über eine Tat, „wie sie nicht alle Jahrhunderte gesehen haben“, durfte auf Anordnung Friedrich Wilhelms III. nicht gedruckt werden. Das Bild der Braut, das weiße Kleid, das Henriette Vogel angezogen hatte, das Bild der Hochzeit, das sie beide feiern wollten, das sie mit eigenen Hymnen besungen hatten – es wurde nicht übermittelt, wurde nicht verstanden. Die Übergabe an die Freunde wurde verhindert. Dass dieser Abschied ein bewusster Akt war. Betroffenheit, Schuldgefühle, Ratlosigkeit herrschten.

Verhindert, wie die Aufführung der Stücke verhindert worden war. Wohl zweieinhalb Jahre zuvor, vor der Schlacht bei Aspern Anfang Mai 1809, bei der Napoleon Österreich besiegte, hatte Kleist den von ihm nicht veröffentlichten Text geschrieben: Was gilt es in diesem Kriege?: „Eine Gemeinschaft gilt es, deren Wurzeln tausendästig, einer Eiche gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und Sittlichkeit überschattend, an den silbernen Saum der Wolken rührt“. Er beschwor die deutsche Vergangenheit, damit sie sich wieder neu entfalten könne. Was hier geborgen war, sollte wieder Früchte tragen. Darum hatte er seine Stücke geschrieben. In dem Sinn der Frage von Freiherr vom Stein: „Wie kann der Gemeinschaftsgeist wiederbelebt werden?“, seiner Nassauer Denkschrift vom Sommer 1807, um „den Kräften der Nation eine freie Tätigkeit und eine Richtung auf das Gemeinnützige zu geben“. Aber das Theater, das Kleist einforderte, verlangte ein selbstbewusstes Publikum., das Entscheidungen fällen konnte. Berlin war, bezeugte Jean Paul 1800, „mehr ein Weltteil als eine Stadt“. Das Machtzentrum war Potsdam, die leere Mitte, ausgeweidet durch eine allein im Militär versicherte Gesellschaftsordnung, zur Expansion genötigt. Die Hohenzollern setzten ihren Weg fort. Überlebt hat Berlin.


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