Category: News - 2016.01.03

Etel Adnan – Bilder schreiben

Ausstellung
beim 15. Internationalen Poesiefestival „Poetische Quellen“, Bad Oeynhausen & Löhne

kuratiert von Klaudia Ruschkowski und Andrée Sfeir-Semler
http://www.sfeir-semler.com/

Auferstehungskirche am Kurpark, 32545 Bad Oeynhausen
Dauer der Ausstellung: 24. 08. – 02. 10. 2016; täglich 9.00 Uhr – 18.00 Uhr

http://aquamagica.de/veranstaltungen/poetischequellen/programm-2011-1/index.html
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Eröffnung Mittwoch, 24. August 2016, 19.30 Uhr

Etel Adnan: Arabische Apokalypse
Corinna Harfouch & Johannes Gwisdek

im Anschluss ein Round Table mit
Corinna Harfouch, Johannes Gwisdeck, Klaudia Ruschkowski und Hanna Mittelstädt

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Zur Ausstellung erscheint ein Katalog
Hg. von Klaudia Ruschkowski und dem Internationalen Poesiefestival „Poetische Quellen“, Bad Oeynhausen & Löhne, künstlerische Leitung Michael Scholz
Edition Nautilus Hamburg 2016

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Klaudia Ruschkowski

Etel Adnan
Bilder schreiben

In Peking, erzählte mir Etel Adnan, zeichnete Rick Barton einmal eine Chrysantheme. Ein Kind ging vorüber und sagte zu seinem Vater: „Schau mal, der Mann schreibt eine Blume.“ Diese Bemerkung löste bei ihr einen neuen Gedanken aus: „dass mit der Hand schreiben zeichnen und umgekehrt zeichnen Handschrift sein kann.“

Etel begegnete dem Künstler Rick Barton Anfang der sechziger Jahren im Buena Vista Cafe in San Francisco. Barton war längere Zeit in China gewesen und hatte von dort spezielle Pinsel, Tinten und Tuschen mitgebracht, dazu lange, ziehharmonikaartig zu Büchern gefaltete Papierbahnen, die Makimonos. „Ich bin kein Zeichner, ich schreibe“, erklärte er und schenkte Etel eines seiner Faltbücher, die ersten Seiten eng mit winzigen Abbildungen bedeckt – „eine mystische Übereignung“, sagt sie. Verzaubert durch das, was Barton ihr eröffnet hatte, begann sie, selbst solche Papierbahnen mit Zeichen zu bedecken, sie zu beschreiben, zunächst mit Poemen zeitgenössischer arabischer Dichter, getrieben von der Lust, die arabischen Sätze, die sie nur teilweise verstand, Zeile für Zeile hinzuschreiben. Jedes dieser Gedichte wurde, zusammengefaltet, zu einem eigenen Buch. Zu voller Länge ausgefaltet verwandelte es sich in ein räumliches Objekt. Etel versuchte nicht, die Sätze zu entschlüsseln. Sie überließ sich deren Fremdheit. Sie versuchte nicht, die durch ihre Hand entstandenen arabischen Schriftzeichen kalligraphischen Regeln anzupassen. Sie erforschte die visuellen Möglichkeiten der Buchstaben und Wortverbindungen. Sie erfand und schrieb frei, setzte Scribbles und Zeichnungen hinzu, griff mit Aquarellfarben, Tinte und Farbstiften in die Schrift ein und verschränkte auf diese Weise Dichtung, Zeichnung und den Schreibvorgang selbst. Ihre Makimonos entfalten sich wie poetische Lesungen, die in einer parallelen Welt der Formen und Farben stattfinden, rhythmisch, eine Partitur, die mit allen Sinnen wahrgenommen sein will. Die Faltbücher sind seit Rick Bartons „Übereignung“ ein wunderbares Medium von Etels bildnerischem Schreiben, jedes einzelne eine Reise, ein Abenteuer, eine, wie sie sagt, „Erinnerung an die nomadische Essenz des Geistes“.

Den arabischen Texten, die zu Makimonos wurden, folgten Poeme amerikanischer und französischer Dichter. Während des Schreibens dachte Etel über das Übersetzen nach, einen Vorgang, den sie als „Transport“ versteht. „Man transportiert ein Gedicht oder einen Prosatext von einer Sprache in eine andere, von einem Universum in ein anderes. Dieser Vorgang wirft viele Fragen auf, von denen manche metaphysischen Charakter haben: Lesen zwei Leser wirklich denselben Text? Wer ist der Autor des übersetzten Textes? Worin besteht das wahre Wesen des originalen Textes, worin das des übersetzten?“ Etel Adnans Ansatz, der Literatur und bildende Kunst verschränkt, bringt das Erlebnis des Werdens zum Vorschein, eine permanente, dem Wesen unseres Geistes eingeschriebene Transformation. Unsere mentale Welt besteht aus einem unaufhörlichen Übersetzen, und bei der Wahrnehmung handelt es sich um nichts anderes als um die Übersetzung des wahrgenommenen Objekts. „Jeder Gedanke, den wir für ursprünglich, originell, spontan halten, ist bereits eine Interpretation von etwas, das ihm vorausgeht“, sagt sie, von etwas, „das auch von ganz anderer Art sein kann, eine Wellenlänge, ein ‚Es‘, das unbekannt bleibt, die Übersetzung dieses ‚Es‘ durch eine aktive filternde Funktion, die wir Verstand nennen oder Geist.“

Seit Anfang der sechziger Jahre unterrichtete Etel Adnan am kalifornischen San Rafael College „Philosophie der Kunst“. Dieses Fach hatte sie dort selbst ins Leben gerufen. Gemeinsam mit ihren Studenten und, wie sie bemerkt, ihnen immer um eine knappe Stunde voraus, las sie die Tagebücher von Paul Klee – „Ich glaube, Klee war der erste Maler, in den ich mich verliebte“ –, Kandinsky und Delacroix, setzte sich mit den Naturbeobachtungen Leonardo da Vincis und mit Frank Lloyd Wrights Schriften zur Architektur auseinander. „Ich kam von der Literatur“, sagt sie, „viele Dinge wurden mir erst bewusst, als ich sie selbst unterrichtete.“ In der Werkstatt von Ann und Richard O’Hanlon im kalifornischen Mill Valley, einem Künstlerzentrum, hatte Etel ihren Arbeitsplatz eingerichtet. Hier entstanden neben den Faltbüchern nun auch Zeichnungen, Aquarelle und Ölbilder. Mill Valley und Sausalito, wo sie fünfzig Jahre lang zu Hause war, liegen gegenüber vom Mount Tamalpais, dem höchsten Gipfel der Marin Hills, ein Berg, der direkt aus dem Meer aufsteigt. Jahrzehntelang wurde sie nicht müde, ihn zu beobachten, ihn zeichnend und malend zu „beschreiben“. Im Dialog mit dem Berg, dessen pyramidale Form, dessen Sphären, Linien und beständig wechselnde Farben sich in sie eingeschrieben hatten, machte sie sich auf eine weitere künstlerische, poetische und philosophische Reise. In seinen unzähligen Manifestationen, seinem sich unaufhörlich offenbarenden Mysterium war der Berg Teil ihrer Identität geworden. Schreibend reflektierte sie über das Abenteuer des Malens und veröffentlichte 1986 bei The Post-Apollo Press, Sausalito, dem Verlag ihrer Lebensgefährtin, der syrischen Künstlerin Simone Fattal, eine Auswahl der während jener Zeit entstandenen Texte: „Reise zum Mount Tamalpais“, eine Meditation über die Beziehungen von Natur und Kunst. Parallel hatte sie unzählige Tusch-, Tinten- und Federzeichnungen des Bergs angefertigt, des Fensters, von dem aus sie ihn beobachtete – „Ich sitze vor meinem Fenster, als säße ich im Kino“ –, der kleinen zufälligen Dinge auf dem Fensterbrett, der Blumentöpfe und der Tintenfässer, Farbtuben, Stifte und Federn, mit deren Hilfe sie sich Mount Tamalpais näherte. Und Ölbilder, Tuschzeichnungen, Aquarelle, die über ihn geradewegs hinaus ins Universum führten. Schreiben und Malen ließen sie den Berg erfahren. Der Berg konfrontierte sie mit Malerei und Poesie. Sie entdeckte, dass es möglich ist, Landschaften aus ihrer Geografie herauszulösen, sie zu etwas Eigenem, etwas Besonderem zu machen. „Indem wir eine Landschaft betreten, transformieren wir sie, sie verlässt den Zustand des Objekts, sie wird zu einem Subjekt, zu einem Wesen. Sie wird lebendig. Es kommt zu einem Dialog. Und dieses Objekt, das lebendig geworden ist, berührt uns, wie uns eine Person berührt“, erklärt Etel.

Landschaften und ebenso Naturphänomene wie Nebel und Nacht, Sonne, Berg, Himmel, Meer, Mond und Ozean spielen zentrale Rollen in ihrem Dasein. Sie sind Orientierungspunkte und feste Größen in ihrem so nomadischen wie kosmopolitischen Leben zwischen Amerika und der arabischen Welt, alten und neuen Sprachen, Poesie, Literatur und Malerei. „Jede Nacht schaue ich zum Mond hinauf“, sagt sie, „und manchmal ereignet sich etwas zwischen dem Mond und mir, und ich schreibe eine Zeile, die dann in ein Gedicht eingeht. Es handelt sich immer um den Ausdruck einer Begegnung, um einen Dialog mit dem Außermenschlichen.“ Etel liebt das Universum. Sie fühlt sich als Teil von ihm; vermutlich ist sie mit ihm eins. In ihren Schriften spricht sie von seinen sozialen Aspekten, in ihrer Malerei gibt sie seiner physischen Schönheit Ausdruck. „Wenn ich sterbe“, sagt sie, „wird das Universum seine beste Freundin verloren haben, jemanden, der es mit aller Leidenschaft liebte.“ „Eine kosmische Dichterin“, nennt sie der amerikanische Literaturwissenschaftler und Übersetzer Eric Sellin, „in deren Auge ein Stern funkelt.“

Als Mädchen in Beirut wurde Etel gefragt, was sie später in ihrem Leben einmal machen wolle. Ihre Antwort, sie wolle Architektin werden, stieß auf Unverständnis – allein der Gedanke, eine Frau könne sich mit Architektur beschäftigen, war damals schon absurd. Sie schrieb sich schließlich an der École des Lettres ein, einer Abendschule. Das gestattete ihr, tagsüber in einem Büro zu arbeiten. Ihre Liebe zur Architektur, speziell zum Bauhaus, fand jedoch bereits in ihren frühen, solide strukturierten, aus klar determinierten Flächen und geometrischen Formen komponierten Bildern Ausdruck. Quadrate, Kuben nebeneinander geordnet, aufeinander geschichtet, begleitet von Kreisen. „Das Quadrat ist die Leidenschaft des Kreises.“ Quadrate, die sich in Dreiecke teilen, zu Pyramiden werden, die Form des Bergs aufnehmen. Pyramiden, die sich in Sphären strukturieren. Jede Sphäre eine Linie, ein Schwung – die Geometrie löst sich auf, oszilliert, wird Bewegung, verwandelt sich in Leichtigkeit, in eine Choreographie. Die dennoch auf etwas Gebautem basiert. „Ich setze mein rotes Quadrat und anschließend vielleicht eine blaue Linie, und dies wird zu einem neuen Ensemble, auf das ich weitere Einheiten baue.“ Jedes Bild eine Konstruktion. Etel versteht Architektur als vertikale Bewegung, etwas, das der Erde entsteigt und wie ein Baum in die Höhe strebt. Architektur beinhaltet alles für sie: Form, Farbe, soziale Belange. Auch ein Zelt betrachtet sie als Architektur. Auch eine Höhle, wenn sie bewohnt ist.

Beim Malen sitzt sie stets am selben Tisch, an dem sie auch schreibt, in der Linken die nicht allzu großformatige Leinwand, in der Rechten keinen Pinsel – den braucht sie für ihre Tuschzeichnungen –, sondern einen Spachtel, mit dem sie Farbschichten auf die Fläche trägt. Die Farben treffen oft rein aufeinander, in all ihrer Schönheit. Etel liebt Farben. „Farben“, sagt sie, „existieren für mich, sie sind metaphysische Wesen.“ Farbe macht sie glücklich, treibt sie um. „Farbe ist das Zeichen für das Vorhandensein von Leben. Ich fühle mich, als wäre ich gläubig, als befände ich mich in einem Zustand reinen Glaubens, völliger Bejahung. Ich lebe, denn ich sehe Farben.“ Die metaphysische Natur der Farben bringt sie zu der Überzeugung, dass diese die Kraft besitzen, „Zeitschranken“ zu durchbrechen, uns in das Universum hinauszutragen, in Räume, „wo das Wissen des Lebens gespeichert ist“. Die Farben werden zu Formen, die Formen zu Landschaften – die für den Betrachter desto deutlicher sichtbar werden, je weiter er sich vom Bild entfernt. Dann beginnen die Farben ihr Eigenleben, sie vibrieren, sie geraten in Bewegung, sie bringen die Formen zum Fließen. Das Auge des Betrachters hält diesen Fluss für einen Augen-Blick an, nimmt ihn wahr, vernimmt ihn, liest ihn, gibt ihn frei. Überlässt ihn dem Kräftespiel, das sich in einer Landschaft ereignet, in der realen ebenso wie in einer gemalten. „Ja“, sagt Etel, „eine Landschaft ist auch ein Machtspiel, Kräfte machen eine Landschaft aus. Ein Hügel erscheint zu deiner Rechten, ein anderer erhebt sich vor dir, der dritte zieht sich hinunter, das ist eine Art der Wahrnehmung, denn die Hügel sind da. Aber wir sehen sie als einen Kampf verschiedener Energien.“ Während des Malens setzt sich Etel diesen verschiedenen Energien aus. Sie sammelt und erfasst sie, übersetzt sie in Farben und Formen, ganz instinktiv: „Ich kenne das Ergebnis nicht, bevor ich es sehe.“

Wie Etel einen poetischen Gedanken in einem Zug niederschreibt – ein Schub, der sie regelrecht überwältigt –, so entsteht auch eine Zeichnung, ein Bild in einer einzigen Sitzung. Als wäre es seit längerem vorformuliert und fände seinen Ausdruck nun in einem Schwung. Etel sagt von sich, dass sie nicht zu den Malern gehört, die regelmäßig arbeiten. Wenn sie jedoch mit einem Bild begonnen hat, dann befindet sie sich in einer anderen Welt, dann hört sie erst auf, wenn es fertig ist. Betrachtet man ihr bildnerisches Werk, so fällt auf, dass es in keinem ihrer Bilder, in keiner ihrer Zeichnungen eine menschliche Figur gibt. Wir sprechen über Claude Lorrain und Etel sagt, dass sie keine Landschaften mag, in denen hier und dort eine kleine Figur auf die Präsenz des Menschen verweist. Die Landschaft, die sie malt, ist abstrakt, besteht aus Farben. Farben sind Teil der Natur. Worte sind sozial. Um die Menschen geht es in ihrem Schreiben. Es hat einen konkreten Ansatz, es ist politisch, es setzt sich mit den Problemen auseinander, die es auf der Welt gibt, mit einer anderen Art von Machtkampf: dem oft tödlichen zwischen den Menschen. Etel hat über Energiefelder, Machtkämpfe und Tod in politischen Zusammenhängen geschrieben, über Katastrophen und die Apokalypse, die ein kosmischer Tod ist, nicht nur von Menschen, sondern auch von Ländern. In den letzten Jahren ist ein neuer Aspekt hinzugetreten. Durch ihre Poesie versucht sie, Bewusstsein zu erfassen und, wie sie betont, genau in dem Moment über den Geist zu
schreiben, in dem er arbeitet. Denn wie die Malerei entsteht die Poesie über Wahrnehmung. „Sie entsteht über Partikel deines täglichen Lebens…wenn sie aus dem normalen Zusammenhang gelöst werden und du darauf reagierst.“

Die Fülle ihrer Wahrnehmungen verbunden mit der Schärfe ihrer Beobachtungen, ihre scheinbar so einfachen und in dieser scheinbaren Einfachheit so komplexen Gedanken und Formulierungen, ihre absolute Offenheit dem Leben gegenüber, die sich in ihrem Humor erweist, eröffnen uns ein Universum, zu dessen Betreten sie uns einlädt, indem sie uns vorangeht. Ihr Leben ist eine Reise voller Entdeckungen, voller Liebe, konfrontiert mit immer neuen Kriegen, voller Erinnerungen und Reflexionen. Etel, die Gedichte, Essays, Novellen und manchmal auch Texte für das Theater schreibt, ist selbst Protagonistin in einem Hand in Hand mit der Weltgeschichte verfassten Stück, dessen Prolog den Sturz des Osmanischen Reiches und die für den Nahen Osten damit verbundenen Folgen beschreibt. Sie war von Anfang an eine Pionierin, unfreiwillig, wie sie sagt, und ist es noch heute. Nach dem Brand von Smyrna 1922 waren ihre Eltern – der Vater aus Damaskus, „besiegter Offizier eines untergegangenen Imperiums“, die Mutter eine orthodoxe Griechin aus dem zerstörten Smyrna – nach Beirut gekommen. Dort wurde Etel 1925 geboren, ein „alchemistisches Produkt“, so beschreibt sie sich selbst. Ihre Sprache hätte das Arabische sein sollen, doch sie ging zu französischen Schulen. Dort war es verboten, arabisch zu sprechen. Zu Hause wuchs sie mit der griechischen Sprache auf, untereinander sprachen die Eltern jedoch türkisch. „Welche Sprache ist also meine Muttersprache? Auf jeden Fall nicht die Sprache, in der ich schreibe. Ich spreche türkisch, arabisch und griechisch, aber ich kann diese Sprachen nicht schreiben“, erklärt sie. Als sie Mitte der fünfziger Jahre in die Vereinigten Staaten kam, lernte sie Englisch. „Englisch wurde für mich ganz natürlich. Ich schreibe also in zwei Sprachen, englisch und französisch, die nicht die Sprachen meiner Herkunft sind. Aber ich glaube, die Welt bewegt sich in diese Richtung. Also mit vielen Sprachen zu leben, in vielen Sprachen zu schreiben und nicht in der ureigenen Muttersprache wird allmählich normal.“

Etels Leben war kosmopolitisch in einer lebendigen Hafenstadt, die als Perle des Mittelmeers galt. Gewiss verinnerlichte sie die kosmopolitische Weltsicht. Dies war entscheidend für ihr ganzes Leben. Zugleich wurde ihr aber auch bewusst, dass sie nirgends hingehörte, dass Identität nicht naturgegeben ist. Sie musste ihre Zugehörigkeiten selbst definieren, sich durch Wahrnehmung, durch Denken und dessen Weitergabe, durch Schreiben und Malen selbst eine Identität schaffen. Sie war Anfang zwanzig, als sie Beirut verließ und nach Paris ging, um französische Literatur zu studieren, Baudelaire, Rimbaud, Nerval, Henri Michaux – für eine junge Frau aus dem Nahen Osten, ohne familiäre Mittel, ein gewaltiger Schritt, ein Sprung. Sprünge dieser Art hat sie in ihrem Leben immer wieder gemacht, ohne lang darüber nachzudenken, wohin es sie führen könnte. Ein Sprung der Verzweiflung war es, der sie Paris verlassen ließ. Der Krieg in Algerien, den Frankreich seit 1954 führte, warf einen Schatten auf die französische Sprache, in der sie ihre ersten Gedichte geschrieben hatte. Dass sie dann in die USA gelangte, bezeichnet sie als Zufall, alles andere als geplant. Sie tauchte enthusiastisch in das amerikanische Leben der sechziger Jahre ein, die „beste Zeit der Welt – aber auch die des Vietnamkriegs“. In Amerika wurde sie sich ihrer arabischen Identität bewusst, hier erst begann ihre tiefe Verbindung mit der arabischen Welt, der sie sich seitdem verantwortlich fühlt. Parallel machte sie sich einen Namen als amerikanische Dichterin. Sie wurde zu einer Stimme der „Amerikanischen Schriftsteller gegen den Vietnamkrieg“. Seit sie 1980 ihr großes Poem „Arabische Apokalypse“ veröffentlichte, bekam ihr Schreiben im arabischen Raum Gewicht.

Etel Adnan hat sich immer mit den elementaren Fragen des Lebens auseinandergesetzt und „Zeugnis abgelegt“. Denn das, sagt sie, ist die Aufgabe des Denkens. Ihre Poesie besitzt das Vermögen, die Dinge sichtbar zu machen, ihnen Gegenwart zu geben. Ihre Malerei, jedes ihrer Bilder, ist ein „Fenster zur Welt“ und jede dieser Welten „eine Epiphanie, eine Vision“. Gefragt, ob sie sich eher als Malerin sieht oder als Dichterin, ob sie die Poesie bevorzugt oder die bildende Kunst, antwortet sie: „Ich mache keinen Unterschied. Es ist nicht nötig, sich zu entscheiden: Bin ich eher dies oder das. Das Wesentliche ist, was du tust, und dass es die Menschen erreicht, dass es Bedeutung hat.“ Und: „Mir scheint, dass ich schreibe, was ich sehe, und male, was ich bin.“

Volterra, 18. Juli 2016

Etel Adnan, „Reise zum Mount Tamalpais“, Edition Nautilus, Hamburg 2007
“Etel Adnan. Schreiben in einer fremden Sprache”, SuKuLTuR, Berlin 2016
„Etel Adnan – Critical Essays on the Arab-American Writer and Artist” hg. Von Lisa Shair Majaj und Amal Amireh, McFarland & Company, Jefferson, North Carolina 2002
„Etel Adnan“, Ausstellungskatalog, Galerie Janine Rubeiz, Beirut 2004
„Etel Adnan“, hg. von Andrée Sfeir-Semler anlässlich der dOCUMENTA (13), Hamburg 2012
Gespräche zwischen Etel Adnan und Klaudia Ruschkowski, San Gimignano 2013, Paris 2014/15/16


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