Category: News - 2016.01.05

Etel Adnan: Nacht

EDITION NAUTILUS Hamburg
Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Klaudia Ruschkowski

Deutsche Erstausgabe
Gebunden mit Schutzumschlag,
ca. 128 Seiten
ca. € (D) 19,90

ISBN 978-3-96054-022-9

Erscheint Ende August 2016
http://www.edition-nautilus.de/programm/belletristik/buch-978-3-96054-022-9.html

„Etel Adnan ist eine der großen Poetinnen unserer Zeit und eine wunderbare visuelle Künstlerin. Sie bildet die Brücke zwischen Poesie und Malerei.“
Hans-Ulrich Obrist

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Die über neunzigjährige Kosmopolitin Etel Adnan ist seit der dOCUMENTA (13) auch eine gefeierte bildende Künstlerin. In ihren Texten wirft sie einen Schlagschatten auf die Gegenwart, zuweilen mit Heftigkeit. Nacht und Vorahnung zählen zu den eindringlichsten und wohl auch persönlichsten Texten, die Etel Adnan geschrieben hat – in ihrer Pointiertheit fast schonungslos. Nacht ist ein Poem aus Gedankensplittern, Vorahnung ein Blues, ein seltsam langsamer Rap, der den Leser mitnimmt auf eine Reise in die eigene Transzendenz.

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Etel Adnan, Schriftstellerin und Malerin, wurde 1925 in Beirut, Libanon, geboren. Ihre Mutter war eine christliche Griechin aus Smyrna, ihr Vater ein muslimischer Syrer aus Damaskus. Sie besuchte französische Schulen in Beirut, studierte ab 1949 Philosophie in Paris, 1955 ging sie in die USA. Von 1958 bis 1972 unterrichtete sie „Philosophy of Arts“ in San Rafael, Kalifornien. 1972 kehrte sie nach Beirut zurück, war Feuilletonredakteurin der Zeitung Al-Safa. Zwei Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs zog sie nach Paris, 1979 ging sie wieder nach Kalifornien. Heute lebt sie in Paris undin der Bretagne. Für ihre Verdienste um die arabische Welt wurde Etel Adnan 2010 mit dem libanesischen Staatspreis ausgezeichnet. Für ihr Lebenswerk wurde sie im selben Jahr von RAWI (Radius of Arab-American Writers) geehrt. Auf der dOCUMENTA (13) war sie Geheimtipp und Shooting Star zugleich.

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Etel Adnan
Bei Nacht leben

Über die Nacht denke ich seit ein paar Jahren nach: Denken? Ich bin mir nicht sicher. Es handelt sich um etwas anderes und um weit mehr. Es ist das Einbringen meines Daseins in die Gegenwart der Nacht, im körperlichsten Sinn, und in jenes seltsame Konzept, das unser tägliches Leben in sich birgt, von Geburt an.

Ich bin ein Nachtwesen. Solange ich zurückdenken kann, war ich fasziniert vom Herabsinken der Nacht auf meine Tage. Es sinkt buchstäblich ein Vorhang herab, zu unterschiedlichen Stunden, je nach Jahreszeit, doch er sinkt. Was bringt das mit sich? Es bringt Kerzen und Lampen, das auf jeden Fall, Abendessen und dann den Schlaf. Schlaf nicht als Abwesenheit von Wachsein, sondern als das Betreten einer anderen Welt. Ich habe den Schlaf immer geliebt: seine Intimität, seine Abenteuerlichkeit. Die Nacht ist das Reich der Träume, und Träume sind die größten Expansionen unseres Geistes.

Nacht ist eine samtene Erfahrung. Ihre Dunkelheit, selbst, wenn sie vollkommen ist, besitzt ihr eigenes Licht. Ein Licht, das manche Tiere besser kennen als wir. Es handelt sich auch um eine Welt, wo die Sicht, wenn es sie gibt, am größten ist. Dies ist das Gewebe des interstellaren Raums. Dem, was das Universum ist, am nächsten.

Ich denke oft darüber nach, wie die Menschheit wohl wäre, wenn sie bei Nacht gelebt hätte. Wenn sie das blendende Licht unserer Tage durchschlafen hätte. Vielleicht wären wir der Liebe gegenüber sensibler gewesen. Wer weiß? Vielleicht könnte dies ein zukünftiger Weg sein. Wer weiß?

Ich bitte euch, heute Nacht nicht zu schlafen. Geht hinaus. Nicht nur in dieser Nacht, sondern in vielen Nächten, nacheinander. Fahrt nur bei Nacht. Setzt euch an einen Fluss, an den Rhein, an die Elbe, den Amazonas, und lauscht ihm. Bei Nacht leben, heißt mit dem Ohr leben, und das Auge wird folgen, sogar noch mehr sehen. Und die Ohren und die Augen eurer Seele werden das Wohlwollen einer Welt entdecken, die sich von der unterscheidet, die ihr kennt, und euch zu Reisen mitnehmen, die sich die Imagination noch nicht vorgestellt hat.


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