Category: News - 2014.01.10

Etel Adnan: Durch Nacht zum Licht

DURCH NACHT ZUM LICHT
Klaudia Ruschkowski im Gespräch mit Etel Adnan
San Gimignano, 18. September 2013

KR „Gespräche mit meiner Seele“ ist ein poetischer Dialog mit dir selbst, ein Gespräch, das du gleichzeitig von innen führst und von außen wahrnimmst. Es gehört zum Poem Nebel, und Nebel erschien in einem Band zusammen mit Meer 2012 im New Yorker Verlag Nightboat Books. Die Elemente spielten immer eine wesentliche Rolle in deiner Dichtung. Diese Rolle ist wichtiger geworden. Du sprichst nicht nur vom Wetter, wie in Jahreszeiten, oder von den Elementen mit ihren Energien, sondern zugleich von geistigen und seelischen Zuständen, reflektierst über Denken und Empfinden. Du bist Teil der Phänomene, die du beobachtest, sie wirken auf dich zurück und ihre Faszination überträgt sich auf den Leser.

EA Es ist die Kombination der Lust, über Phänomene nachzudenken mit der Lust, ein Gedicht zu schreiben. Ich habe über das Wetter geschrieben, aber ich wollte auch über das Bewußtsein schreiben, welches das Wetter wahrnimmt. Der Verstand arbeitet nicht linear. Wenn wir nicht mit Denken beschäftigt sind, streben unsere Gedanken in alle Richtungen gleichzeitig. Ich kann ein Gedicht schreiben und über eine konkrete Begebenheit nachdenken. Ich kann aber auch den Moment beschreiben, in dem diese sich real ereignet. Poesie ist drängend. Du mußt den Gedanken erwischen, den Satz, der nicht nur über die Dinge selbst spricht, sondern darüber, wie du sie empfindest, was du über sie denkst. Oder über etwas, was plötzlich auftaucht. Wie es Heidegger ausdrückt: Realität kommt an die OberflächeDie Welt leuchtet auf. Und was du poetisch sagst, taucht fast von allein auf, du ergreifst es, du stellst es nicht her. Meine Poesie war immer politisch, wegen der vielen Probleme, die es auf der Welt gibt. Sie war anders als heute. In den vergangenen Jahren habe ich versucht, Bewußtsein zu erfassen, genau in dem Moment über den Geist zu schreiben, in dem er arbeitet. Poesie entsteht über Wahrnehmung, über ein Partikel deines täglichen Lebens …wenn dieses aus dem normalen Zusammenhang gelöst wird und du darauf reagierst.

KR Wie reagierst du auf Nebel? Was bewegt dich so daran, daß du ein Gedicht daraus gemacht hast?

EA Die Idee dazu hat mit der Bay Area um San Francisco zu tun. Jeden Sommer, in der Mitte des Sommers, gibt es dort Nebel, eine ungewöhnliche Erscheinung, denn das Landesinnere von Kalifornien ist trocken und heiß, aber der Ozean hat eine andere Temperatur. An der Küste, wo ich lange lebte, entstehen gewaltige Nebelfelder. Wenn du über die Golden Gate Bridge fährst, bist du in einem Nebel wie auf klassischen chinesischen Gemälden. Es sind Wellen, Nebelwellen, die durch die Golden Gate hereinschwappen und bis Berkeley ziehen. In Sausalito wird der Nebel dicht wie eine Wand, von San Francisco ist nichts mehr zu sehen. Die gesamte Landschaft liegt wie unter Schnee. Schnee verändert die Landschaft, Nebel noch mehr: Er löscht sie aus. Du bewegst dich in einer Wolke. Mit dem Auto brauchst du tagsüber die Scheinwerfer, die Straße ist nicht mehr zu sehen. Das passiert jedes Jahr. Es ist dramatisch, ein außerordentliches Naturphänomen. Mich fasziniert dieser reale Nebel, aber auch, was Nebel für den Geist bedeutet. Wir befinden uns in einem Nebel. Was nicht heißt, daß wir verloren sind oder unglücklich. . Wir sind in einem neuen Land. Es ist ein neues Terrain in einem Gebiet, das du zu kennen glaubst. Dasselbe gilt für die Nacht. Auch die Nacht verändert die Landschaft, läßt sie verschwinden. Aber Nebel unterscheidet sich von Nacht: Du siehst ihn heranziehen wie ein Objekt, das sich bewegt, wie ein kosmisches Tier, das über Hügel und Häuser läuft. Mit diesem Phänomen habe ich gelebt. Ich habe jedes Jahr darauf gewartet. Und dann begann ich zu schreiben. Und die Vorstellung vom Nebel brachte mich erstaunlicherweise zu einer Vorstellung von der Seele. Veranlaßt durch die neblige Umgebung machte ich einen Schritt in mich hinein. Eines Tages spürte ich: Die Seele ist Etwas. Ich habe nie daran geglaubt, wie es die katholische Kirche lehrt, daß es hier einen Körper gibt und dort eine Seele. Das kommt von Platon. Platon sagt: Wir haben eine Seele, sie gleicht einem Objekt, es ist von uns getrennt und lebt doch in uns. Für mich ergab das nie Sinn, selbst als Kind nicht. Doch plötzlich spürte ich die Seele. Ich sage nicht: sie existiert. Ich glaube, Körper und Seele bilden das, was wir lebendiges Leben Sein nennen. Auf einmal machte es Sinn, daß wir zwei Wesen sind.

KR In deinem Poem gibt es aber den Körper, die Seele und das Ich.

EA Da ist auch das Ich. Sagen wir, wir sind mindestens zwei Dinge, vielleicht mehr. Da ist das Ich, das Bewußtsein. Da ist die Seele, von der wir nicht wissen, was sie ist. Sie ist wie ein Gefährte, ein Schatten des Ich. Dann gibt es den Körper, der kein Objekt ist. Er denkt. Er ist du. Absolut du. Du bist absolut Ich, du bist absolut die Seele, du bist absolut der Körper. Und alle sind da. Ich kann nicht anders, als mit dieser Seele zu sprechen, als wäre sie ein lebenslanger Gefährte. Wir waren eins, und wir waren verschieden. Wie begegneten wir einander? Was taten wir einander an? Also wende ich mich an die Seele. In dem Gedichtband Nacht, an dem ich gerade arbeite, wird es Gespräche mit meiner Seele II geben. Ich habe das Gefühl, daß ich weiter mit meiner Seele sprechen will. Ich weiß noch nicht, was ich ihr sagen werde. Es ist anders, als mit einem Menschen zu sprechen. Die Seele ist keine Person. Es handelt sich aber auch nicht um einen narzißtischen Vorgang. Die Seele ist ein eigenes Wesen. Diese Dinge ereignen sich. Wenn sie sich ereignen, folgen wir ihnen. Doch bevor sie sich ereignen, haben wir keine Ahnung, daß wir darüber nachdenken werden.

KR Der Titel Gespräche mit meiner Seele hat mich berührt und angezogen. Als ich das Gedicht las, dachte ich an dein Buch There – hier und dort, beide Bedeutungen stecken in dem einen Wort. Dies Gegenüber zieht sich durch dein Schreiben. Du nimmst beides wahr, stellst dich auf beide Seiten, führst und eröffnest Dialoge. Ich habe das Gefühl, du gehst beständig über etwas hinaus, schaust jenseits, hinter Berge …

EA Das ist die Definition von „lebendig sein“. Das hat nicht allein mit mir zu tun. Wir haben Schwierigkeiten damit, in der Gegenwart zu leben. Wir sind wie ein Gegenstand, der unaufhörlich vorwärts getrieben wird. Manchmal entsteht das Gefühl, als hätte man sein Leben verloren, als wäre man seit jeher in der Zukunft. Als wäre man nie „hier“ gewesen. Unser Leben ist immer in die Zukunft projiziert. Ist das nicht der Fall, sind wir nicht gesund. Wenn wir Schmerzen haben, stellt es sich anders dar. Im Schmerz sind wir gefangen. Schmerz ist Gegenwart. Aber im täglichen Leben, wenn du dich gut fühlst, bist du nicht „hier“. Du bist dir selbst immer voraus. Das gilt für jeden.

KR Als ich die Gespräche mit meiner Seele zum ersten Mal las, wurde ich traurig. Ich hatte den Eindruck, es handele sich um einen Abschied. Vieles dreht sich um den Tod. Als ich sie wieder las, war es anders. Alles schien lebendig. Als hätte ich selbst die Seiten gewechselt, wäre durch einen Vorhang hin und her gegangen. Auf jeden Fall habe ich mich nach deiner Vorstellung vom Tod gefragt und dem, was danach kommt. Wo sind wir dann?

EA Wir wissen es nicht. Ich habe über den Tod nie in Bezug auf mich nachgedacht. Ich habe mich mit Tod in politischen Zusammenhängen auseinandergesetzt, mit Katastrophen und mit der Apokalypse, die ein kosmischer Tod ist, von Ländern und von Menschen. Aber nun denke ich ab und zu darüber nach. Ich weiß, daß ich statistisch gesehen in zehn Jahren nicht mehr hier sein werde. Es ist gefährlich, zu viel daran zu denken. Du verlierst die paar Jahre, die dir bleiben – wenn sie dir bleiben. Und etwas in uns, oder in mir, hält vom Nachdenken über den Tod ab. Wir sprechen von ihm, aber wir glauben nicht wirklich an ihn. Wir bemühen uns, ihn abstrakt zu halten. Es ist sehr schwer, ihm als unmittelbare Möglichkeit ins Auge zu sehen. Selbst wenn du krank bist, glaubst du nicht daran, an diesem Tag zu sterben. Du stirbst vielleicht morgen. So lange du lebendig bist, bist du nicht tot. Es ist schwierig, sich mit dem Tod zu beschäftigen. Manche Menschen beschäftigen sich so jung damit, daß sie sich das Leben nehmen. Lieber sterben sie, als weiter über den Tod nachzudenken. Ich habe niemals über Selbstmord nachgedacht oder über meinen Tod. Ich weiß aber, daß er auf mich zukommt und ich glaube nicht, daß es ein religiöses Paradies gibt. Aber die Tatsache, daß wir lebendig sind, bleibt im Universum. Die Tatsache, daß du gewesen bist, bleibt unauslöschlich.

KR Ich möchte noch einmal auf „Hier“ und „Dort“ zurückkommen, auf das Wechseln der Ebenen. In There stellst du die Frage nach dem „Where“, dem „Wo“: „Wo sind wir? Wo? Es gibt ein Wo, weil wir sind, hartnäckig, und gewesen sind …“.

EA Wir leben in mentalen Räumen. Wir sind nie in einem Nichts. Selbst wenn wir die Augen schließen, stehen wir in Beziehung zu etwas oder zu jemandem. Es gibt immer etwas, das dich betrachtet, eine Person oder dein eigenes Leben, deine Verantwortung … oder eine Wand … oder ein Tisch. Wir sind immer an Grenzen gebunden, nicht als Begrenzungen, sondern als Gegenwarten. Wir umgeben die Dinge, die uns umgeben, mit anderen Existenzen. Mit Menschen und Objekten. Und mit Vorstellungen.

KR Hinzu kommen die Phänomene Nebel und Nacht, Sonne, Meer, Mond, Ozean, Himmel …

EA Auch das sind Dinge, die „hier“ sind. Starke Wesen, zu denen wir in einer Beziehung stehen. Im Augenblick sind wir in San Gimignano, die Türme sind hier, wir müssen mit ihnen umgehen. Sie betrachten uns, wir betrachten sie. Schon ist der Raum anders. Sie schaffen eine neue Welt. Weil sie hier sind, bist du dir bewusst, daß du hier bist. Sie helfen dir. Sie können auch eine Bedrohung sein, aber im Allgemeinen geben sie dir Kraft. Der Ozean aber … um mit ihm umgehen zu können, mußt du selbst fast zum Ozean werden. Ich begreife den Ozean, weil ich am Pazifik gelebt habe. Und der Pazifik ist viel wilder als der Atlantik. Denk an die Gezeiten! Die Gezeiten atmen. Der Ozean ist ein Monstrum, er holt sechs Stunden lang Atem. Wir atmen in einer Sekunde, er in sechs Stunden, er kommt und geht. Verglichen mit dem Ozean ist das Mittelmeer ein nervöses kleines Ding.

KR Woher kommt es, daß du den Elementen so intensiv verbunden bist?

EA Für mich ist das ein Bestandteil unseres Lebens. Vielleicht, weil ich ein Einzelkind war. Das ist anders, als Brüder und Schwestern zu haben. Du mußt dir deine Gefährten erfinden. Du sprichst nicht mit anderen Kindern, du sprichst mit Dingen und mit Elementen … mit dem Spiegel, der Blume, dem Regen, der Sonne, dem Meer. In meiner Generation gab es nicht viele Einzelkinder. Heute ist das üblicher, in Europa, nicht in der Dritten Welt. Es ist ein anderes Leben. Es gibt weniger Ablenkung. Du bist dir der Dinge bewusster, du bemerkst sie nicht nur, du lebst mit ihnen. Du lebst mehr mit deinen Eltern, und du lebst mehr mit Abstraktionen. Im Libanon, wo ich aufwuchs, gab es in meiner Generation auch kein Spielzeug. Wir hatten kein Radio, kein Fernsehen. Es gab nur das einfachste tägliche Leben: zur Schule gehen, zurückkommen, essen, schlafen, Leuten begegnen, die zu Besuch kommen. Das war unsere Welt. Die Kinder, aber auch die Erwachsenen bekamen also viel von dem mit, was einfach da war. Ein Schatten auf der Wand wird genauso wichtig wie ein Fernsehbild. Du nimmst die Welt um dich herum wahr. Ich konnte stundenlang eine Wolke beobachten, die über den Himmel zieht. Damals gab es in Beirut überall Gärten. Auf dem Nachhauseweg von der Schule duftete es nach Orangen und Jasmin, durch die Hitze konnte sich der Duft entfalten. Die Küstenfelsen reichten bis an die Straßen heran. Meine Mutter brachte mich zu ihnen, und ich schwamm im Meer. Die Elemente sind für mich sehr wichtig. Ich lebte mit ihnen.

KR In deiner Poesie sind die Elemente oft auch philosophische Konzepte. Deine Poesie ist immer auch Philosophie.

EA Ich habe Philosophie studiert. Ich liebe Nietzsche. Nietzsche zerstörte unseren Glauben an die klassische Philosophie. Er hatte recht. Wir interessieren uns nicht für die Wahrheit. Es gibt keine Wahrheit. Sie ist relativ. Heidegger machte klar, daß Hölderlin ein größerer Philosoph als Leibniz war. Mit dieser Art von Philosophie bin ich einverstanden. Offene Philosophie. Es ist nicht wichtig, ob du dir widersprichst oder nicht, oder wonach du suchst – nach dem Anderen, nach der Wahrheit. Wonach ich suche, ist das, was man Poesie nennt.

KR Was verstehst du unter Poesie?

EA Poesie ist eine elementare Form der Kunst. Du drückst nicht nur funktionale Dinge aus, sondern etwas, das sich fast unmöglich sagen läßt. Also schreiben wir ein Gedicht. Was wir unter Poesie verstehen? Im Grunde wissen wir es nicht. Wir tun es einfach. Es ist das, was wir schreiben, wenn wir uns in einem bestimmten geistigen oder seelischen Zustand befinden. Nicht in dem normalen Zustand, wo wir innehalten und denken. Wir wollen losgehen, frei. Wir wollen keine sachlichen Informationen in Worte fassen, sondern Informationen verbunden mit emotionalem Nachdenken.

KR Das Gedicht, an dem du schreibst, heißt Nacht.

EA In den letzten Jahren sind drei große Poeme entstanden, die aufeinander folgen: Jahreszeiten, Meer und Nebel. Nacht ist das vierte.

KR Über einen Satz von dir denke ich seit längerem nach: „Realität ist aus Nacht gemacht.“

EA Wir leben bei Tag und mein Gefühl ist, daß wir das Mysterium der Nacht verloren haben. Vielleicht wäre die Menschheit anders, wenn wir mehr bei Nacht gelebt hätten als bei Tag. Menschen, die bei Nacht leben, sind anders. Die Nacht gibt Fragen auf. Sie ist schön. Sie ist kein Nichts, sie ist nicht leer. Du schaust und siehst, selbst in dunkelster Nacht. Du siehst auf andere Weise, du denkst, du fühlst … Ich liebe die Nacht, seit ich Kind war, ich fange an zu leben … und alle schlafen. Es ist schade, daß wir zu Bett gehen müssen. Selbst wenn man nicht schläft … es gibt soziale Gewohnheiten. Du kannst niemanden um Mitternacht anrufen. Auch wenn du weißt, daß die Person nicht schläft. Du mußt warten. Uns fehlt die Erfahrung der Nacht, wir verpassen sie.

KR Auf dem Land ist die Nacht ganz still und zugleich unglaublich belebt. Nicht nur vom Wind, vom Rauschen der Bäume oder des Regens. Es sind so viele Tiere unterwegs. Die Nacht ist voll von Geräuschen, von den verschiedensten Lauten und Rufen, sie ist bevölkert.

EA Die Tiere nutzen die Nacht mehr als wir. Die Katzen zum Beispiel, sie sehen durch die Nacht, sie bewegen sich. Das Leben geht in der Nacht weiter. Düfte breiten sich aus, Blumen wachsen. Aber wir orientieren uns mehr an dem, was bei Tag geschieht.

KR Du unterscheidest zwischen der physischen Dunkelheit der Nacht und einer anderen Kategorie von Dunkelheit: dem Obskuren.

EA Das Obskure und die Nacht verbinden sich mit einem anderen Gefühl als Dunkelheit und Nacht. In dem Wort obskur liegt die Anstrengung, diese Art von Dunkel durchschauen zu wollen. Du kannst aber auch gerade davon angezogen sein. Das Obskure ist emotional, hat eine psychische Dimension. Nacht kann abstrakt sein … und obskur kann eine Erfahrung von Nacht sein. Es ist eine mystische Empfindung, von der du manchmal hoffst, daß sie dich fortträgt. Es gibt eine mystische Poesie, in der dieses Phänomen eine Rolle spielt. Dort bedeutet Obskurität die Unfähigkeit, Gott zu schauen. Ich benutze das Wort nicht in einem religiösen Sinn, sondern in einem psychischen Zusammenhang, als etwas, das dich emotional berührt. Du kannst dich auch am Tag in einem obskuren Zustand befinden. Diese Erfahrung ist nicht notwendigerweise negativ. Aber in ihrer Wirkung verbindet sie sich mit Nacht.

KR Je mehr ich mich mit deiner Poesie beschäftigte, desto mehr betrat ich das Universum, das du eröffnest, mit all seinen Sphären. Begonnen hat es mit der Sonne. Die Sonne steht im Zentrum der Arabischen Apokalypse, einem deiner eindringlichsten großen Gedichtzyklen.

EA Alles baut darauf auf. Die Kraft der Sonne. Eines Tages, das war 1975, nahm ich Stift und Papier und sagte mir: Ich will ein Gedicht über die Sonne schreiben. Die Sonne war mir seit meiner Kindheit wichtig. Ich betrachtete sie und fürchtete mich. Ich schaute so lange in sie hinein, bis meine Augen nichts mehr sehen konnten. Die Nonnen in der Schule sagten: Das ist gefährlich! Schädlich für dich! Aber ich schaute, schaute, schaute. Ich liebte es auch, in die Sonne zu schauen, wenn es geregnet hatte. Im Mittelmeerraum regnet es nicht tagelang. Es regnet heftig, dann hört es auf. Und auf den Straßen steht Wasser, es reflektiert die Sonne. Ich schaute in die Pfützen und sah die Sonne überall um mich herum. Der Mond hat mich auch interessiert – als ein Objekt, das leuchtet. Einmal fragte ich meine Mutter: Woher kommt die Sonne? Jeden Morgen? Sie taucht hinter einem hohen Berg auf. Ich fragte mich immer: Was ist hinter jenem Berg? Was ist dort? Ich überlegte unentwegt: Wo kommt sie her? Als ich das meine Mutter fragte, gab sie mir eine Ohrfeige. Ich habe nie verstanden, warum. Was war falsch? Vielleicht hatte sie schlechte Laune. Und jedes Mal, wenn sie wütend auf mich war, sagte sie: „Jetzt werde ich dir mal sagen, wo die Sonne herkommt.“ Im Sommer wird es in Beirut heiß, oft über vierzig Grad. Die Sonne wirft große Schatten. Wenn ich lief, wollte ich immer auf meinem Schatten laufen …

KR Vielleicht tust du das ja jetzt, in deinen Gedichten … Von Sonne und Tag bist du zu Mond und Nacht gekommen. Deine Dichtung gleicht einer kosmischen Reise.

EA Eine lange Reise. Jede Dichtung ist Verdichtung, das liegt in ihrer Natur. Je öfter du ein Gedicht liest, umso mehr findest du darin. Du denkst, du hast es gelesen, dann liest du es wieder, und es ist mehr geworden oder anders. Ich dachte immer, daß mir von Rilke nur die Elegien etwas sagten. Aber letztes Jahr las ich noch einmal die Sonette an Orpheus und mir wurde klar: Sie sind genauso schön wie die Elegien! Ich hatte mich immer gefragt, warum Heidegger Rilke auf eine Stufe mit Hölderlin stellt. Ich brauchte ein Leben, um herauszufinden, daß ich Rilkes Gedichte nie aufmerksam gelesen hatte. Wir lieben Poesie, aber wir lesen sie zu wenig. Und doch ist Poesie das einzige, was man oft lesen kann. Ich liebe Baudelaire und Rimbaud, ich habe sie immer wieder gelesen, manchmal nur ein paar Zeilen … Poesie hat ein Dasein, aber es ist versteckt. Wir müssen der Poesie gegenüber aufmerksam sein.

KR Bei allen Dingen, die du tust: zeichnen, malen, schreiben, philosophieren…. Wie würdest du dich bezeichnen? Als Dichterin?

EA Es ist schwierig, von sich zu sagen: Ich bin ein Dichter. Es sind die anderen, die sagen müssen, ob Du ein Dichter bist. Aber ich liebte die Dichtung von früh an, ich fühlte mich ihr immer nah. Genauso wie der Kunst. Ich sehe Kunst nicht als Objekt. Kunst ist, was sie dir mitteilt. Und der Moment, in dem sie zu dir spricht. Wenn du ein Gemälde wirklich liebst, vergisst du, daß es ein Gegenstand ist. Es wird lebendig … Ich weiß nicht, welche Richtung es einschlägt. Bilder unterscheiden sich nicht so sehr von Menschen. Sie sprechen mit dir. Ich habe sie genauso gern, ich mache keinen Unterschied. Unser Verstand definiert die Dinge, er trennt sie voneinander. Das hat vermutlich mit der Erziehung zu tun. Aber in Wirklichkeit gibt es keine Trennungen. Wir haben vergessen, daß die Schule trennt, um etwas zu klären oder zu erklären. Und wir nehmen diese Trennungen dann als gegeben an. Das sind sie nicht. Stell dir vor, du hättest vier Kinder. Es heißt nicht, daß du dein Herz in vier Teile schneiden mußt. Du liebst jedes einzelne ganz und gar. Genauso ist es bei mir: Ich liebe Poesie und Kunst, ganz und gar. Es gibt keinen Konflikt. Es ist nicht nötig, sich zu entscheiden: Bin ich eher dies oder das. Das Wesentliche ist, was du tust, und daß es die Menschen erreicht, daß es Bedeutung hat.

KR Denkst du beim Malen oder beim Schreiben an ein Gegenüber?

EA Grundsätzlich nicht. Ich will aber nicht sagen, daß ich das niemals tue. Es gibt Momente, in denen mir das, was ich gerade gemacht habe, etwas sagt. Also sagt es auch einem Gegenüber etwas. Und letztlich entsteht ein Dialog.

KR Deine Dichtung war früher sehr politisch. In letzter Zeit geht es eher um Prozesse von Wahrnehmung und um Bewusstsein. Siehst du einen Unterschied zwischen „politischer“ Poesie und „persönlicher“ – oder stellt sich diese Frage nicht?

EA Ich glaube, das ist dasselbe. Politische Poesie heißt, daß du eine politische Situation existenziell machst. Damit wird sie persönlich. Die politische Situation beeinflusst dein Leben. Es kommt darauf an, wie du es vermagst, daraus Poesie zu machen. Wenn du dein Haus verlierst, wenn du im Exil bist, wenn sie deine Stadt zerstören, dann ist das eine persönliche Erfahrung, die du mit anderen teilst. Deine Stadt zu verlieren, betrifft dich ebensosehr, wie einen Menschen zu verlieren, den du liebst. Oder mehr. Alles ist an einem gewissen Punkt persönlich. Es wird von dir gefiltert, es beeinflusst dich. Es gibt keine wirkliche Trennung. Viele Leute sagen mir, daß über Politisches keine Poesie entstehen kann. Alles kann Poesie werden. Wenn du es dazu machst. Poesie ist immer offen. Sie stellt dir die Aufgabe, mit ihr umzugehen. Sie hat ein Dasein. Nicht nur die Kunst ist da – auch die Katastrophe. Und Poesie bringt das, worüber sie spricht, zum Dasein, sie gibt ihm Gegenwart.


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