Category: Programme - Tags: - 2014.06.07

Kleist oder die Lust am Extremen

07. Juni 2014 - 13. Juni 2014

Heinrich von Kleist (1777-1811)
Heinrich von Kleist (1777-1811)

Symposium mit Vorträgen, Lektüren, Gesprächen und Filmen

Referenten:

Prof. Dr. László F. Földényi
Essayist, Kunsttheoretiker, Literaturkritiker und Übersetzer, Mitherausgeber einer ungarischen Werkausgabe von Kleist, Budapest

Dr. Stefania Sbarra
Germanistin, Autorin des Kommentars zur italienischen Werkausgabe von Kleist, Venedig

Wolfgang Storch
Dramaturg, Autor und Kurator, Volterra

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“Kleist zeichnet keine ‚realistischen‘ Porträts, sondern versucht ein rätselhaftes Gleichgewicht zu erreichen – indem er die Zerrissenheit, die in der Persönlichkeit zum Ausdruck kommt, ins Extrem steigert. Seine Figuren wirken deshalb so paradox, weil sie, obwohl sie selbst keine ‚einheitliche‘ Persönlichkeit besitzen, die ‚gebrechliche‘ Welt dennoch vor allem in eine Einheit verwandeln wollen. Doch in dieser Welt und diesem Leben ist das ersehnte Gleichgewicht unvorstellbar. Goethe hatte recht, als er Kleist einen Mann der Zukunft nannte; die bürgerliche Kultur kann einen Menschen nicht dulden, der im Gegensatz zu jeder geltenden Ordnung seine eigene Ordnung zu verwirklichen sucht.

Kleists OEuvre exemplifiziert jedoch nicht nur den Zusammenbruch des vorherrschenden Bildungsideals, sondern wartet auch mit einer radikal neuen Weltsicht auf. Die Zerstörung ist unleugbar: man denke nur an die vielen Beispiele physischer Gewalt in Kleists Werken. Körper werden in Stücke gerissen, Blut und Hirnmark auf Wände verspritzt, die Figuren werden von maßloser Mordlust befallen, an den Zimmerwänden hängen überall Peitschen, von denen sie mit Vorliebe auch Gebrauch machen, wobei sie mit Keule und Pistole genauso gut umgehen können. Aber nicht nur Körper zerfallen, sondern auch Familien und nicht selten auch politische und gesellschaftliche Gemeinschaften. Die Grausamkeit der Welt kann bei Kleist ebenso extreme Züge annehmen wie in manchen Werken de Sades. Und doch stellt Penthesileas Kannibalsmahl, Piachis Raserei oder Meister Pedrillos Verblendung vor allem keinen sadistischen Genuss vor. Während er die Explosion der Leidenschaften schildert, bewahrt Kleist eine seltsame Kühle und Nüchternheit. Das Maß wahrend, zeigt er den Verlust des Maßes.

Er spannte alles bis zum Äußersten und verwirklichte das, wonach er sich schon seit seiner Jugend sehnte, nämlich das Ganze genauso zu achten wie den Teil. Das Ganze schwebte ihm vor Augen, gleichzeitig bemühte er sich aber mit jeder Faser seines Herzens, auch dem Einzelnen, dem Zerbrechlichen und dem Flüchtigen ihr ausschließliches, unveräußerliches Recht zukommen zu lassen. Seine Kunst wirkt nicht deshalb so eigenartig und unvergleichlich, weil er die Extreme zeigt, sondern weil er diese zugleich auch ständig zügelt. So eruptiv die Ausartung, ja Verzerrung der Leidenschaften bei ihm auch ist, mit der gleichen inneren Überzeugung versucht er auch immer wieder zum Diesseits der Grenze zurückzukehren. Diese innere Bändigung macht Kleists Werke so gespannt; bei der Darstellung dieser leidenschaftlichen Zerrissenheit, die zwischen der Bändigung und der Unbändigkeit, dem Übertreten der Grenze und ihrer Beachtung entsteht, ist Kleist unübertroffen. Nicht die Leidenschaft ufert bei ihm aus und auch nicht die Verdrängung, sondern die zwischen der Bändigung der Leidenschaft und ihrem Ausbruch entstehende Spannung.”

László F. Földényi, Oktober 2013

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Themen

Väter und Söhne

Der Findling, unter Einbeziehung von:
Das Erdbeben in Chili, Die Marquise von O…., Prinz Friedrich von Homburg

Kleist und die Erotik

Der Findling, unter Einbeziehung von:
Die Marquise von O…., Michael Kohlhaas, Die Verlobung in Santo Domingo, Der Schrecken im Bade

Die Gebrechlichkeit der Welt

Das Erdbeben in Chili, unter Einbeziehung von:
Michael Kohlhaas

Täuschung und Geheimnis

Die Marquise von O…., Der Findling, Der Zweikampf

Anekdoten

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Informationen zur Teilnahme

max. 15 Teilnehmer

Anreise: 7. Juni 2014
Beginn um 19.00 mit der Begrüssung der Teilnehmer und Vorstellung des Programms
anschliessend Abendessen

Abreise: 14. Juni 2014

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Das genaue Tagesprogramm wird in Kürze bekannt gegeben.



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